Full text: Grenzen und Grenzregionen

Diese Skizzienmg der Verhältnisse in dem Gräberfeld von Lavoye als derzeit 
bestem Beispiel für das Nebeneinander von fränkischen und romanischen Ge¬ 
meinschaften innerhalb einer Siedlungsgemeinschaft muß im Rahmen dieses 
Vortrags genügen. Der Befund ist sicher nicht als repräsentativ für ein 
zahlenmäßiges Verhältnis zwischen Franken und Romanen in einer Siedlung, 
noch viel weniger für das in einer Siedlungskammer zu betrachten. Es ist jedoch 
noch nicht möglich, begründete Schätzungen vorzunehmen; dafür müßte der 
derzeitige Forschungsstand ganz erheblich verbessert werden. 
3.3 Die Verhältnisse im östlichen Vorland von Metz und im Raum um Tholey 
Nur auf zwei kleinere Regionen sei noch eingegangen, die - wie oben schon 
angedeutet - keine beigabenführenden Gräber ergeben haben und dennoch kaum 
unbesiedelt gewesen sein können. Es handelt sich um das östliche Vorland von 
Metz und um das Hochwaldvorland an Prims und oberer Blies um Tholey, das als 
Theulegio castrum im Testament des fränkischen Hochadligen Adalgisel Grimo 
aus dem Jahre 634 mit der von ihm gegründeten Kirche und einer 
Klerikergemeinschaft sowie offenbar umfangreichem landwirtschaftlich genutztem 
Besitz einen bedeutenden Teil seines Vermächtnisses an die Kirche von Verdun 
darstellt30. Dieses Gebiet muß also besiedelt gewesen sein, doch gibt es hier 
allenfalls beigabenlose Gräber mit Steinschutz, die zwar allgemein in das 
Frühmittelalter datierbar sind, aber innerhalb der Zeitspanne des 7. - 9. 
Jahrhunderts nicht genauer eingeordnet werden können. Die gleichen Verhältnisse 
herrschen in dem halbkreisförmigen "gräberleeren" Gebiet östlich von Metz. 
Dieser Bereich mit einem Radius von 15-20 km31 kann auf keinen Fall von 
Ackerbürgern der Stadt aus bewirtschaftet worden sein. Es ist deshalb durchaus 
vorstellbar - obwohl es sich natürlich um einen Schluß e silentio handelt - daß hier 
Romanen in ländlichen Siedlungen lebten, welche die sonst zu beobachtende 
Akkulturation nicht mitmachten und während der gesamten Merowingerzeit an 
dem rein christlichen Totenritual der Bestattung im Totenhemd festhielten. Die 
Pflege spätantiker Traditionen, die im Großraum des Rhonetales und der Provence 
eindeutig auch das Festhalten an diesem christlichen Totenritual zur Folge hatte, 
ist hier, gestützt durch Metz, durchaus vorstellbar. Für den Raum um Tholey kann 
man eher an ein "Rückzugsgebiet" denken, in dem keine nennenswerte fränkische 
Bevölkerung angesiedelt war. 
3.4 Schlußfolgerungen 
Wie umfangreich diese Bevöfkemngsgruppen waren, die ihr Romanentum offen¬ 
bar sehr rein bewahrten, kann bei dem heutigen Forschungsstand nicht festgestellt 
werden. Es liegen nämlich keine Aufschlüsse über den Umfang der zu einzelnen 
Siedlungen gehörigen Bestattungsplätze vor, die demographische Aussagen er- 
30 Zuletzt Herrmann, in: Tholey 634-1984, S. 260ff. 
3^ Vgl. Stein, in: Archaeologia Mosellana 1 (1989), S. 139 Abb. 6 und ebd. S. 167ff. - Zu der Annahme 
von Pansse, in: Histoire de la Lorraine, S. 96 bzw. [deutsch] Lothringen, Geschichte eines 
Grenzlandes, S. 102, dieses Gebiet sei in nachrömischer Zeit wieder verwaldet, vgl. Stein, ebd. S. 168. 
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