Full text : Grenzen und Grenzregionen

Reinhard  Schneider

Lineare  Grenzen  -  vom  frühen  bis  zum  späten  Mittelalter
Bei  dem  Stichwort  lineare  Grenzen  dürfte  man  heute  im  allgemeinen  an
"schnurgerade",  förmlich  mit  dem  Lineal  gezogene  Grenzen  denken.  Solche
Formen  sind  unserer  Zeit  sehr  vertraut,  allerdings  wird  man  es  nicht  riskieren,  sie
immer  als  humanitären  Fortschritt  zu  preisen:  So  dient  beispielsweise  der  38.
Breitengrad  als  Grenze  zwischen  Nord-  und  Südkorea,  sind  im  Zeitalter  des
Imperialismus  vor  allem  in  Afrika  Kolonien  schnurgerade  ausgemessen  worden,
hat  man  auch  im  pazifischen  Raum  die  Interessenbereiche  nahezu  mit  dem  Lineal
auf  der  Weltkarte  gezogen.
Weit  in  die  Vergangenheit  zurück  reicht  ein  vergleichbarer  Fall.  Nach  dem  Tod
von  Kaiser  Theodosius  I.  wurde  nämlich  395  eine  Grenze  zwischen  Ost-  und
Weströmischem  Reich  bestimmt,  die  wenigstens  theoretisch  -  allerdings  mit
relevanten  Konsequenzen  -  über  das  15.  Jahrhundert  hinaus  bedeutsam  blieb.  Die
Fixierung  betraf  Teile  des  Balkans  und  vor  allem  die  grundsätzliche  Trennung
der  südlichen  Adria  und  des  Mittelmeeres  in  zwei  unterschiedliche
Interessenbereiche.  "Technisch"  scheint  man  sich  dabei  auf  den  37.  Grad  ost
Ferro1  bezogen  zu  haben,  nach  modernerer  Messung  wären  dies  19  Grad  ost
Greenwich.
Ein  berühmtes  Beispiel  ist  auch  der  Schiedsspruch  von  Papst  Alexander  VI.  aus
dem  Jahre  1493:  Die  päpstliche  Entscheidung  sollte  die  spanischen  Rechte1 2  in
den  neu  entdeckten  Ländern  sichern  und  bezog  sich  auf  eine  imaginäre
Demarkationslinie  vom  Nord-  zum  Südpol  100  Meilen,  westlich  der  Azoren.
Diese  Entscheidung,  die  später  auch  als  "Mutter  aller  mathematischen  Grenzen,
die  mit  Meridianen  und  Parallelkreisen  zusammenfallen",  bezeichnet  wurde3,  ist
1494  im  Vertrag  von  Tordesillas  (bei  Valladolid  in  Kastilien)  zugunsten
Portugals  korrigiert  worden:  Die  Demarkationslinie  verlief  nunmehr  270  Meilen
weiter  westlich.
Von  Grenzziehungen  der  angesprochenen  Art  wird  im  folgenden  keine  Rede
sein,  wohl  aber  sollen  Vor-  und  Frühformen  einer  bewußt  linearen  Grenzziehung
ermittelt  werden4.  Es  soll  also  auf  Festlegungen  geachtet  werden,  die  sich  nicht
nur  an  Fluß-  und  Gewässerrändem,  an  Meeresküsten  oder  ähnlichen  relativ  klar

1  Die  sog.  Arae  Philaenorum  in  Tripolitana  galten  als  Berechnungspunkt.
2
Kastilien/Aragon  -  bzw.  die  Katholischen  Majestäten  sind  damit  gemeint
3
Alexander  Supan,  Die  territoriale  Entwicklung  der  Europäischen  Kolonien  (Gotha  1906),  S.18.
4  Ohne  Belang  für  diese  Fragestellung  ist  der  Versuch  von  Charles  Higounet,  "À  propos  de  la  perception
de  l'espace  au  moyen  âge",  in:  Media  in  Francia  ...  Recueil  de  Mélanges  offert  à  Karl  Ferdinand
Werner  (Maulevrier  1989),  S.257-268,  das  Aufkommen  eines  "zweidimensionalen"  Denkens  seit  Ende
des  12.  Jh.  als  Voraussetzung  künftiger  Kartographie  zu  erweisen.

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