Full text: Grenzen und Grenzregionen

sprachiger Autor, als Anthologist, als Nachrichtenschreiber aus dem Elsaß und 
auch als Literaturkritiker und -Wissenschaftler in zahlreichen Veröffentlichungen, 
in strikter Loyalität mit der autorité administrative übrigens, soweit erforderlich, - 
Adrien Finck hat immer wieder auf den nicht von den Elsässern, eher von der Ge¬ 
schichte verschuldeten Konflikt hingewiesen, in dem sich dort jeder Autor befin¬ 
det. André Weckmanns Wort "Le cœur français, la langue allemande" meint das¬ 
selbe, epigrammatisch. Seine Romane sind bedeutende Zeugnisse einer wachsen¬ 
den Klärung und Bewußtwerdung; sie sind zudem literarisch sehr bemerkenswert, 
zum Beispiel Wie die Würfel fallen und Odile oder das magische Dreieck. 
Damit zusammenhängend kam es in den letzten Jahren auch zu einer neuen Dia¬ 
lektpoesie von grenzüberschreitender alemannischer Resonanz im Zeichen des 
Protests gegen Keimkraft und Umweltzerstörung, auch gegen die schleichende 
Erosion des Elsässer-Dütsch. Spätestens jetzt aber konnte dem Dialekt nicht mehr 
nachgesagt werden, er tauge nur für Nostalgie und Heimattümelei, in anderen Re¬ 
gionen übrigens auch, zum Beispiel in Norddeutschland. 
In den achtziger Jahren gab es dann eine weitere literarische Aufwertung durch die 
großen Mundartdichtungen Claude Vigées, eines emigrierten Elsässer Juden, der 
noch in Israel in seinem heimatlichen Dialekt schrieb. 
Der Sammelband/« dieser Sprache, herausgegeben 1981 von Adrien Finck, André 
Weckmann und Conrad Winter, findet in der Einleitung die Formel "Wir leben 
und schreiben im heutigen, französischen Elsaß. Deutsch kann für uns nicht das¬ 
selbe sein wie für Deutsche. Unser Deutsch muß ein anderes Deutsch sein."9 
Der "Cercle René Schickele / René Schickele Kreis" in Straßburg hat einen Na¬ 
menspatron, dessen literarische Appelle, seine Romane, Bühnenstücke und Essays, 
nach kultureller Verständigung fortwirken bis heute. So kann denn auch dieser 
Kreis eine Postkarte verschicken, auf der ein Enkel, auf hoch über dem Dorf in 
Richtung Westen fliegende Störche weisend, seinen Großvater fragt: "Grand-Père, 
pourquoi n'y a-t-il plus de cigognes en Alsace?" Und der antwortet: "Weisch Bue, 
wenn d' Stoerick uewers Elsaß flieje, heere se uewerall franzeesch reede, dann 
meine se, sie wäre noch nit ankumme un flieje widdersch." Am Fuße der Karte 
dann noch die drei Aufrufe "N'abîmons pas l'Alsace!", "Zweisprachigkeit: unsere 
Zukunft" und "Lehre d'Kinder Elsässisch!". 
Adrien Finck gibt schließlich auch einen wichtigen methodischen Hinweis am 
Schluß seines Aufsatzes zum Thema "Probleme der Geschichtsschreibung elsässi- 
scher Literatur des 20. Jahrhunderts", der jetzt in einem Sammelband zu Proble¬ 
men der Geschichtsschreibung von Grenzliteratur überhaupt erscheint. Er sagt 
dort: "Gleichzeitig könnte es anhand einer Bestandsaufnahme der betroffenen Lite¬ 
raturen zu komparativen Studien kommen, die topologische Universalien jeglicher 
Grenzliteratur herausarbeiten sollten, wobei die für eine Region spezifischen Fak¬ 
toren jeweils als Variablen berücksichtigt werden müßten. So wäre es möglich, die 
Grenzthematik vor der Gefahr der Abkapselung im Provinziellen zu bewahren, 
9 Finck/Weckmann/Winter, In dieser Sprache, S. 3. 
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