Full text: Grenzen und Grenzregionen

tungsgrenzen sind, und weil heute noch stärker als früher die drei Sprachen 
gleichberechtigt praktiziert werden, auch in der Poesie: das Letzeburgische, das 
Französische und das Hochdeutsche. Wenn also keine Kommunikationssektoren 
geschnitten werden wie bei den Nachbarn - die Amtssprache, die Literatursprache, 
die Familiensprache - wenn Verlautbarungen so gut im Dialekt wie in den Hoch¬ 
sprachen, wenn Gedichte in allen drei Sprachen erscheinen können: dann wäre 
hier das linguistisch-poetische Paradies auf Erden? Die Luxemburger werden wi¬ 
dersprechen, vor allem mit einer von Koketterie nicht freien Attitüde. Sie betonen 
gern die Winzigkeit des Landes, sie leiten daraus die Winzigkeit ihrer Literatur 
her. Und sie lassen uns dann erstaunen, wie vielfältig doch die literarischen Her¬ 
vorbringungen sind. Zum historischen Bilde seien nur zwei Autoren erwähnt, für 
manche andere, Batty Weber und Norbert Jacques. Weber mit seinem Roman Fenn 
Kass, in der Buchausgabe 1913 erschienen, einem sozialhistorisch und sozialpsy¬ 
chologisch wichtigen Werk. Norbert Jacques ist zumindest bekannt als der Verfas¬ 
ser des Dr. Mabuse-Romans, der in Deutschland seine eigene Rezeptionsgeschich¬ 
te erfuhr.8 Man sollte Jacques auch kennen als den Verfasser interessanter exotisti- 
scher Romane. Überhaupt, gerade unsere Grenzliteratur bietet Forschungsmaterial 
zum dialektischen Wechselverhältnis Provinz und Feme, Enge und Abenteuer. 
Der von seinen Landsleuten bis heute aus nicht ganz unverständlichen Gründen 
nur mäßig geliebte Jacques ging aus der provinziellen Enge in die Feme, mußte 
gehen, um er selbst zu werden. Das ist ein Topos so gut wie eine Erfahrungstatsa¬ 
che. Eine spezifische Ausflucht in die Exotik gab es dann verstärkt und erzwungen 
bei den ins Exil getriebenen Autoren, etwa beim Saarländer Gustav Regler, der aus 
seiner letzten Zuflucht Mexiko immer nur zeitweise nach Europa zurückkehrte, 
und sich in Mexiko einen neuen Mythos suchte. Auch Paul Zech, allerdings ein 
Berliner, machte seinen Zwangsaufenthalt in Buenos Aires zum Motivschauplatz 
neuer Romane. Man denke auch an Anna Seghers, Arnold Zweig und viele andere. 
Nach 1933, bis heute, gibt es eine neue, bedenkliche Erscheinung. Das Überschrei¬ 
ten der Grenze als Akt der Selbstrettung kann sich gerade in einen Akt der Ge¬ 
fährdung für später umkehren. Das Faktum des Exils wird in der nachträglichen 
politischen Interpretation zu einem Faktum der neuerlichen Gefährdung, wenn es 
das "falsche" Exil wurde. Mexiko gehörte dazu, in den Augen Moskaus. Die kapi¬ 
talistischen Länder gehör(t)en dazu, in den Augen der Früh- und Spätstalinisten. 
Grenzen werden "entähnlicht" durch den Zufall eines früheren, lebensrettenden 
Verwaltungsaktes, der Erteilung eines Visums. 
Je reicher eine Literatur ist, auch in ihrem geschichtlichen Bestände, und je stärker 
sie daher mit wechselnden Grenzen kon^o/itiert wird, und je stärker sie daher auf 
ihre genuine Würde verweisen kann, verweisen muß, - desto stärker stellen sich 
ihr die Fragen nach der Entähnlichung und Anähnlichung, um ihrer eigenen Spra¬ 
che willen. Das ist besonders der Fall in der Literatur des Elsaß, der literarisch 
fruchtbarsten unserer Regionen. Wir können hier weder auf ihre Geschichte noch 
auf ihre aktuelle Situation eingehen. Unser Kollege Adrien Finck, Professor für 
deutsche Literatur an der Universität Straßburg, hat als deutsch- und französisch¬ 
o 
Siehe dazu Scholdt, Dr. Mabuse. 
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