Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt2.
Es gibt nun in der Literaturgeschichte eine Fülle von Motiven, die Grenzübertre¬
tungen schildern, den Weg vom vertrauten Land in ein unbekanntes Territorium,
ins Totenreich, über den Fluß, das Meer, durch einen unheimlichen Wald. Mär¬
chen und Sagen lassen den Helden sich in der Fremde bewähren. Bräute wurden
auf der Mitte von Brücken übergeben und Verträge an Flüssen oder auf Booten un¬
terzeichnet3. Das Grenzmotiv "Fluß" erstreckt sich von der Mythologie
(Scamandros, Halys, Rubikon, Styx) bis zur Agitation: "Der Rhein, Deutschlands
Strom, nicht Deutschlands Grenze." (Inschrift am Denkmal Emst Moritz Arndts
in Bonn, nach seiner 1813 erschienenen Schrift.) Oder: "Sie sollen ihn nicht ha¬
ben, den freien deutschen Rhein." (Lied von Nikolaus Becker, Rheinisches Jahr¬
buch 1841). Aber: "Der Rhein darf nicht mehr ein Graben sein, [...] der Rhein
muß ein Bindeglied zwischen all dem sein, was beiderseits seiner Ufer groß und
stark ist." (Charles de Gaulle in Straßburg am 22. 11. 1959). Eine eigene Untersu¬
chung wäre das Grenzmotiv "Brücke" wert. Der Brückenbau verlangte Kulthand¬
lungen und rituelle Opfer. Siehe Ivo Andric: Die Brücke über die Drina. Eine Vi-
segrader Chronik (1945). Napoleon traf sich 1807 mit dem Zaren Alexander auf
einem Floß auf der Memel, dem Njemen. Der letzte Satz in Franz Kafkas Urteil
lautet: "In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Ver¬
kehr".
Soweit die in der Literatur widergespiegelte Realität. Anders verhält es sich mit
der Metaphorik. Es definiert die Literatur geradezu, daß sie an Grenzen stoßen
muß, will sie ihrem ästhetischen Auftrag gerecht werden. Wo also die Grenze, fi-
nis oder limes, sich als terminus ultimus in der Realität gibt, indem eine Wirklich¬
keit auf die andere stößt, da praktiziert die Literatur das fines oder modum transi-
re. Sie überschreitet die Grenzen der eigenen Gattung, verletzt deren Gesetze; sie
überschreitet die Regeln der öffentlichen Moral; sie definiert sich als ein spezifisch
herrschaftsfreies, also anarchisches Kommunikationsinstrument.
In unserem Forschungsprojekt über Grenzen und Grenzregionen in der Literatur
im historischen Prozeß seit 1871 befinden wir uns gegenwärtig in dem Stadium,
daß wir mit dem Sammeln und Archivieren dieser Literatur, vermittels eines heu¬
ristisch notwendig erweiterten Literaturbegriffs, so etwas wie einen Mengenleh¬
renschock erfahren, weil die Zahl der Schnittmengen immer größer wird. Ließen
sich alle literarischen Texte mit den vorgegebenen und bekannten Wertungskrite¬
rien anfangs schnell einordnen, nach Gattungen, Themen und Funktionen, so er¬
fahren wir jetzt, bei zunehmender Differenzierung durch Aspekte der Produktions¬
ästhetik und der Rezeptionsgeschichte, heilsame "Unschärferelationen", die uns
ganz neue Texteinschätzungen bringen, gar nicht zu reden von der genetischen
Gebrechlichkeit der vier genannten Regionen in ihrer politischen Geschichte. Aber
2 Brecht, Gedichte 2, S. 660.
-1
Siehe dazu im einzelnen Horst S. und Ingrid Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur, S. 159 ff.
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