Volltext: Grenzen und Grenzregionen

Guntram A. Plangg 
Raumbildung und Sprachgrenzen in Tirol 
Incolae Alpium multi populi - iuxta Carnos 
quondam Taurisci appellati nunc Norici. His 
contermini Raeti et Vindelici, omnes in multas 
civitates divisi. (Plinius, nat. hist. III, 20) 
Wenn wir eine mittelalterliche Darstellung historischer Ereignisse oder Personen 
betrachten, etwa einen heiligen Florian (+304), so befremdet uns heute der fehlen¬ 
de historische Abstand: Der römische Soldat ist ein Ritter der Kreuzzüge oder ein 
spätmittelalterlicher Söldner1 u.ä. Wir sind jedoch, wie ich meine, in anderen Be¬ 
reichen gar nicht so weit entfernt von durchaus gleichwertigen Sehweisen, etwa 
was die frühmittelalterliche Raumbildung anbelangt, in die wir Konzepte der Ge¬ 
genwart - geschlossene Areale in scharfen Grenzen - einfließen lassen und sie so 
verfremden, ohne den Anachronismus zu bemerken. 
Politische, wirtschaftliche und kulturelle Räume pflegt man heute nur selten durch 
Zentren oder Schwerpunkte, sondern eher durch gegenseitige Abgrenzung zu de¬ 
finieren. Das Land Tirol, in der Habsburger Monarchie zuletzt annähernd Umris¬ 
sen durch Nauders (Engadin), Seefeld und Kufstein (Bayern), Lienz (Kärnten) und 
Ala (Venezien), hat sich zuerst an der oberen Etsch (im sog. Burggrafenamt), an 
Eisack und Rienz (einst Norital genannt) und zunehmend am mittleren Inn her¬ 
ausgebildet. Kristallisationspunkt war das ursprünglich vielleicht breonische Bi¬ 
stum Säben1 2 mit seinem Einzugsbereich, das erst im 6. Jh. sicher bezeugt ist neben 
Chur und Regensburg. Zwischen 970 und 1000 wurde dann das Bistum vom Säbe- 
ner Burgfelsen nach Brixen verlegt3. Seine Vögte erlangten mehr und mehr Ein¬ 
fluß, wurden Grafen und schließlich gefürstet. Der Einfluß der Hochstifte aber 
ging immer mehr zurück, bis mit der Aufklärung unter Joseph II. das Wiener Gu- 
bemium dafür eintrat. 
Soweit wir aus den leider nur spärlich fließenden alten Quellen entnehmen kön¬ 
nen, war das spätere Tirol in der römischen Kaiserzeit Grenzgebiet und Paßland, 
1 Vgl. etwa N. Rasmo, Kunst in Südtirol, Bozen (Sparkasse) o. J., Abbildungen des hl. Florian Nr. 35 (H. 
Multscher, 1458) und Nr. 55 (ehemaliger Hochaltar von Schenna, 1520) u.a. 
2 Die alten Belege ihr die Breonen bzw. Pregnarii bei A. Jäger, Über das rhätisehe Alpen volk der Breuni 
oder Breonen, Wien 1863 (= Sitz. Ber. d. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Kl. Bd. S. 42, 351-440) 
übersichtlich zusammengestellt von Horaz (+8 v. Chr.) bis zu den sog. Quartinus-Urkunden (828) 
herauf.; vgl. auch R. Heuberger, "Natio Noricorum et Pregnariorum", in: Veröff. des Landesmuseums 
Ferdinandeum Innsbruck 10 (1930), S. 1-52. 
3 Dazu A. Sparber," Zur Geschichte des Bistums Sabiona", in: Der Schiern 8 (1927), S. 1-11 und 33-41 
sowie F. Hüter, Säben, ebenda 51 (1977), S. 6-12 sowie F. Vonficht, Sancta ecclesia Sabionensis, ebd. 
54(1980), S. 444-458. 
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