Full text: Zwischen Saar und Mosel

studentischer Zirkel zu den Lagern der „Ja“- oder „Nein“-Sager keineswegs 
verallgemeinert werden kann. Erst eine Analyse der regionalen und sozialen 
Herkunft, der politischen Sozialisation im Elternhaus angesichts der innenpoliti¬ 
schen Sondersituation und des Verbots der prodeutschen Parteien an der Saar oder 
der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Studentengenerationen und Fakultäten 
könnte wohl ein differenzierteres Bild ergeben und diverse Fragen beantworten 
helfen: Zeigte die jüngere, in der Zeit der autonomen Saar sozialisierte und dadurch 
auch die Chancen internationaler Begegnung mehr nutzende Studenten-Generation 
vielleicht eine stärkere Affinität gegenüber der Europäisierung als ihre älteren 
Kommilitonen? Favorisierte die seinerzeit für die Idee der europäischen Einigungs¬ 
bewegung insgesamt besonders aufgeschlossene Studentenschaft eher das Konzept 
einer Europäisierung der Saar oder strebte sie vielleicht mehrheitlich doch eher eine 
Rückgliederung der Saar an die ja ohnehin in den europäischen Integrationsprozeß 
eingebundene, zudem ökonomisch potente Bundesrepublik Deutschland unter dem 
Motto „Mit der Saar nach Deutschland, mit Deutschland nach Europa“ an? 
Orientierten sich die Studierenden aufgrund ihres Bildungspotentials möglicherwei¬ 
se weniger an nationalstaatlichen Kategorien als die saarländische Gesamtbevölke¬ 
rung oder folgten die Mitglieder der Universität in ihrem Abstimmungsverhalten 
exakt dem allgemeinen politischen Trend3? 
Schon im Vorfeld der Entscheidung vom 23. Oktober 1955 entwickelten sich rasch 
publizistische Diskussionen um die Zukunft der Universität des Saarlandes, die die 
Presse der Heimatbund-Parteien vielfach mit den tradierten Etiketten einer franko¬ 
philen Institution und als Instrument französischer Kulturpropaganda4 bedachte, 
den vergleichsweise hohen Anteil französischer Professoren und Dozenten und die 
frankophile Universitätsverwaltung5 kritisierte, die „Allgemeine Studentengemein¬ 
schaft für internationalen Austausch“ (AGA)6 7 attackierte und sich dabei - aus der 
Sicht der regierungstreuen Gazetten - vielfacher Diffamierungen und Verdrehun¬ 
gen1 bediente. Bei der Immatrikulationsfeier zu Beginn des Wintersemesters 
1955/56 wandte sich Rektor Joseph-François Angelloz8, der. beim Einzug der 
Professoren symbolisch vom neuen Finanzminister der Übergangsregierung 
3 Eine umfassende Analyse dieses Themenbereichs muß einer weiteren Untersuchung Vorbehalten 
bleiben. 
4 Vgl. Eröffnung des neuen Studentenparlaments, in: Speculum - Saarländische Studentenzeitschrift 1 
(Februar 1956), S. 1. 
5 Vgl. Joachim Schwelien, Universitas Saraviensis - Kulturelle Durchdringung oder gelungenes 
Experiment?, in: Frankfurter Allgemeine 15.10.1955. 
6 Replik auf eine Sonderseite der „Deutschen Saar“: Die AGA meldet sich zu Wort, in: Saarbrücker 
Zeitung 18.10.1955. 
7 Vgl. die Kontroverse um die Juristische Fakultät: Diktatur des Rektorats? Die Universität des 
Saargebietes beschränkt die Lehrfreiheit, in: „Neueste Nachrichten“ 3.10.1955 und die Erwiderung: 
Wie ist das wirklich mit der Juristischen Fakultät? Eine Stellungnahme zu Verdrehungen und 
Diffamierungen der „Neuesten Nachrichten“, in: Saarländische Volkszeitung 8.10.1955. 
8 Prof. Dr. Joseph François Angelloz (1893-1978). Zweiter Rektor der Universität des Saarlandes 
1950-1956. Zur Biographie zuletzt W. MÜLLER, Pragmatischer Visionär. In memoriam Prof. 
Angelloz, in: Campus Nr. 5/94 S. 7. 
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