Full text: Zwischen Saar und Mosel

Gerhard Paul 
Ungehorsame Soldaten. 
Dissens, Verweigerung und Widerstand saarländischer Soldaten im 
ZWEITEN WELTKRIEG 
Am frühen Abend des 15. Juli 1942 eröffnete der Leiter der Stuttgarter Vollstrek- 
kungsbehörde, Oberstaatsanwalt Link, dem 1922 im saarländischen Dörsdorf 
geborenen Kanonier Karl Nagel, daß die Vollstreckung des gegen ihn ausgespro¬ 
chenen Todesurteils für den kommenden Morgen um 5.00 Uhr anberaumt sei. Mit 
wenigen unbeholfenen Zeilen verabschiedete sich der junge Arbeiter, der zusam¬ 
men mit einem Kameraden desertiert war und auf dem Weg zurück ins Saarland 
eine französische Ärztin erschossen hatte, von seiner Mutter und seinen Geschwi¬ 
stern. Wenige Minuten vor dem anberaumten Hinrichtungstermin begaben sich 
Oberstaatsanwalt Link, ein Urkundsbeamter und ein Ludwigsburger Vikar in die 
Zelle des Delinquenten und begleiteten ihn anschließend zum Lichthof des 
Stuttgarter Justizgebäudes, wo bereits der aus München angereiste Scharfrichter 
Reichhart mit seinen drei Gehilfen auf den Todeskandidaten wartete. Nachdem 
Reichhart die Funktionsfähigkeit des Richtgerätes gemeldet hatte, ließ Oberstaats¬ 
anwalt Link den Verurteilten vorführen und gab ihm noch einmal in knappen 
Worten den Inhalt des Feldgerichtsurteils vom 8. April 1942 bekannt. Um 5 Uhr, 
14 Minuten und 15 Sekunden wurde Nagel dem Scharfrichter übergeben, nachdem 
der Geistliche noch ein kurzes Gebet gesprochen hatte. 15 Sekunden später war 
Nagel tot. Der Leichnam wurde in den schon bereitstehenden Sarg gelegt und dem 
Anatomischen Institut der Tübinger Universität zur weiteren Veranlassung überge¬ 
ben1. Karl Nagel zählte damit zu den vermutlich etwa 200 bis 250 jungen Männern 
von der Saar, die sich Hitlers Vernichtungsfeldzug verweigerten, die desertierten, 
zum Gegner überliefen und doch so wenig zur retrospektiven Heroisierung 
taugen. 
Obwohl der Widerstandsbegriff in den vergangenen Jahren eine fast schon 
unerträgliche Ausweitung erfahren hat2, ist die Gruppe der ungehorsamen Soldaten 
der deutschen Wehrmacht mit ihren oft so komplizierten Lebensgeschichten kaum 
einmal Gegenstand der zeitgeschichtlichen Forschung geworden. In den meisten 
lokal- und regionalgeschichtlichen Widerstandsstudien, Ausstellungen, ganz zu 
schweigen von den Geschichtsbüchern, werden Kriegsdienstverweigerer, Deserteu¬ 
1 Protokoll des Hinrichtungsvorgangs/Oberstaatsanwaltschaft Stuttgart vom 16.7.1942, Bundesarchiv- 
Zentrale Nachweisstelle (BA-ZNS), Gerichtsakte FF 151. 
2 Vgl. K.M. Mallmann/G. Paul, Resistenz oder loyale Widerwilligkeit? Anmerkungen zu einem 
umstrittenen Begriff, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 41 (1993), S. 99-116. 
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