Full text: Zwischen Saar und Mosel

erklären sein könnte. Die erbetene Kürze des Beitrags erklärt seine eher essayisti¬ 
sche Form, die auch angemessen sein mag, um ein großes Problem - das der 
deutschen Rechtskultur in ihrer Vielfalt - in seinem Reichtum im Grundsätzlichen 
zu beschreiben. 
I. 
Was ein Weistum sei, ist trotz großer Forschungskontroversen klar, zumindest in 
dem Raum, in dem das Wort selbst beheimatet ist, und dazu gehören Mosel und 
Saar. Ein Weistum ist die verschriftlichte Form gewiesenen, also konsensual 
anerkannten geltenden Rechts, das Fierrschaft gegenüber einer angebbaren Zahl von 
Personen geltend machen kann; durch den Geltungsbereich eines Weistums wird 
auch eine Rechtsgemeinschaft gestiftet. Das durch Weisung bestätigte Recht der 
Herrschaft bestand in der Regel in gerichtlichen Zuständigkeiten und jährlich 
gleichen Einkommen, sei es in Form von Arbeits-, Natural- und Geldrenten. Die 
Herrschaftsrechte wurden sichergestellt durch Verfahren, nämlich das üblicherwei¬ 
se zu festen Terminen stattfindende, Jahrgeding geheißene Gericht, an dem das 
geltende Recht nochmals in Erinnerung gebracht, bestätigt und etwaige Übertretun¬ 
gen durch die Schöffen und die Gehöfer, so hießen die Rechtsgenossen, in Form der 
Rüge zur Anzeige gebracht und, falls sie sich als berechtigt erwiesen, mit Bußen 
geahndet wurden6. Das Weistumsrecht galt für einen bestimmten Hof, es handelt 
sich also um Hofrecht, das in der Tradition hochmittelalterlicher Villikationen 
steht. 
Über Alter und Geltungsdauer der Weistümer wurden in der Geschichtswissen¬ 
schaft und der Rechtswissenschaft jahrzehntelang große und heftige Debatten 
geführt, ohne für Deutschland insgesamt zu abschließenden und anerkannten 
Ergebnissen zu kommen. Für den Saar-Mosel-Raum hingegen steht man nunmehr 
auf solidem Grund und Boden. Das erlaubt es, die erzielten Ergebnisse pointiert 
zum Ausdruck zu bringen und ihre Konsequenzen für eine Rechtsvergleichung zu 
diskutieren. 
Weistumsrecht ist vom 15. bis zum 18. Jahrhundert immer wieder niedergeschrie¬ 
ben worden, nach einer vorgängigen Phase der oralen Tradition und der Weitergabe 
von Jahrgeding zu Jahrgeding und von Generation zu Generation. Für die Höfe des 
in Trier ansässigen Klosters St. Matthias sind rund 100 Weistumsniederschriften 
überliefert, die sich auffällig um die Regierungszeiten von sechs Äbten gruppieren, 
ansonsten von einer erstaunlichen Konstanz sind: 14 Weistümer sind unter 
6 HlNSBERGER, St. Matthias (wie Anm. 4). - Ich stütze mich im folgenden mehr auf die Arbeit von 
Hinsberger als auf die von Eder, Saarländische Weistümer (wie Anm. 3) deswegen, weil für das 
Kurfürstentum Trier, zu dessen landsässigen Klöstern St. Matthias gehörte, auch die Land- und 
Territorialrechte ediert vorliegen, womit das geltende Recht an der Mosel umfassender rekonstruiert 
werden kann. 
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