Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

Gefallenen auf dem Schlachtfeld, in enger Anbindung zum traditionellen Grabmal, 
oder in den Heimatgemeinden bzw. in den Garnisonsstädten aufgestellt. Das Krie¬ 
gerdenkmal übernahm nicht nur die Funktion der Erinnerung an die Toten, es klagte 
darüber hinaus das verlorene Leben ein, um das Überleben sinnvoll zu machen. Der 
Sinn des gewaltsamen Todes, seine Rechtfertigung wurden von den Überlebenden in 
den Denkmälern festgeschrieben : "Mortui viventes obligant". Gemäß der grundlegen¬ 
den Thesen Kosellecks bietet der Kriegstod eine dreifache Identifikationsmöglich¬ 
keit:3 Erstens werden die Toten in besonderer Weise erinnert - als Helden, Helden¬ 
brüder, Gefallene, Kameraden... - , zweitens binden sich, wenn aus der Erinnerung 
Konsequenzen für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln gezogen werden sollen, die 
Überlebenden in das von dem Denkmal ausgehende Identifikationsangebot ein, und 
drittens wird der Toten als Tote gedacht. 
Die Einbindung in das Identifikationsangebot setzte voraus, daß die Toten für die¬ 
selbe Sache gefallen waren, für die auch die Denkmalsstifter einstehen wollten. Diese 
Absicht blieb aber nur so lange gültig, wie das erbrachte Opfer sinnvoll mit gesell¬ 
schaftlichen Forderungen verknüpft werden konnte. Die beabsichtigte Botschaft war 
somit zwangsläufig zeit- und raumgebunden.4 Denkmäler wurden zugleich Zeugen 
der Vergänglichkeit und der Vergangenheit, obwohl sie auf Dauer ausgerichtet waren. 
Seit der Französischen Revolution und besonders seit den Befreiungskriegen stieg die 
Zahl der Kriegerdenkmäler stetig an. Der "Tod für das Vaterland" als absoluter Wert 
erhielt eine neue metaphysische Komponente. Die Übertragung des Heldentums in 
die Sphäre des Heiligen schuf somit eine neue übernatürliche Identifikationsmög¬ 
lichkeit. Der innerweltliche Zusammenhang zielte, da die transzendental-religiöse 
Sinnstiftung des Todes an Überzeugung verlor, auf die politische und soziale Zukunft 
der Überlebenden.5 Nicht nur der Soldatentod selbst, sondern auch die Erinnerung 
daran wurden politisch funktionalisiert. "Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Leben¬ 
den zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung"6 lautete die 
3 Reinhart Koselleck, Kriegerdenkmale als Identitätsstiftungen der Überlebenden, in: Identi¬ 
tät, hrsg. v. Odo Marquard u. Karlheinz Stierle, München 1979, S. 255-275, hier S. 256. 
4 Koselleck (Anm. 3), S. 257 u. Antoine Prost, Les anciens combattants et la société française 
1914-1939, Bd. 3, Mentalités et idéologies, Paris 1977, S. 51f.: "Chaque groupe historique 
interprète la guerre à la lumière de ses propres traditions, de ses propres idéaux et croyances. 
Chacun nous propose ainsi sa lecture de l’événement. Les monuments aux morts s’offrent à 
nous comme un système de signes, complexe mais cohérent, où se livre le sens que chaque 
famille spirituelle, idéologique ou morale prétend donner à la guerre." 
5 Philippe Contamine, Mourir pour la patrie, in: Les lieux de mémoire, hrsg. v. Pierre Nora, 
La Nation, Bd. 3, Paris 1986, S. 11-43, hier S. 35f. u. Elisabeth Guibert-Sledziewski, Pour la 
patrie: mort héroïque et rédemption, in: La Bataille, l’Armée et la Gloire 1745-1871, Actes du 
colloque international de Clermont-Ferrand, hrsg. v. Paul Viallaneix u. Jean Ehrard, Cler¬ 
mont-Ferrand 1985, Bd. 1, S. 199-208, hier S. 200ff. 
6 Zum ersten Mal erschien diese Widmung 1821 auf Schinkels Kreuzbergdenkmal in Berlin, 
errichtet in Erinnerung an die Befreiungskriege; 1870/71 galt diese Inschrift der gesamtem 
deutschen Nation. 
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