Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

die Interessen der Bahn gegenüber den städtischen Wünschen. Die große Chance für 
die sich allmählich herauskristallisierenden Interessen der altdeutschen Metzer war 
Wilhelm II., dem an einer günstigen Entwicklung der Stadt Metz zu liegen schien. 
Diese Chance konnte die neue städtische Elite jedoch kaum optimal nutzen. Ihre Un¬ 
erfahrenheit in der Verwaltung dieser Stadt und die ungenügende Kenntnis der städ¬ 
tischen Gegebenheiten ließ sich erst mit zeitlicher Verzögerung aufholen. Der man¬ 
gelnde Kontakt zu den Alteingesessenen stellte eine Schwachstelle dar. Es gab zu Be¬ 
ginn der Projektdiskussion so gut wie keine Kommunikation zwischen den nationalen 
Gruppen. Verantwortlich dafür waren sicher überwiegend die zugewanderten Bürger, 
die eine Beachtung der Alteingesessenen vorerst nicht für nötig hielten. Erst die 
gemeinsame Notlage in der Auseinandersetzung mit den Bahnbehörden bewirkte, daß 
sich die Gruppen schließlich annäherten. 
Unabhängig von der Meinung der Alteingesessenen entwickelten die altdeutschen 
Metzer ihren eigenen Standpunkt, der denen der Berliner Behörden widersprach. Im 
Laufe der Auseinandersetzung identifizierten sich allmählich auch höhere lokale und 
regionale Beamte wie der Bezirkspräsident und auch der Statthalter mit den Inter¬ 
essen der Stadt, so daß man von einer zunehmend selbständigen Politik der Grenz¬ 
raumverwaltung sprechen kann. In der Formulierung der eigenen Position vertraten 
die altdeutschen Metzer Standpunkte, die sich mit denen der Alteingesessenen deck¬ 
ten. Denn es gab bei diesen offensichtlich nicht nur die Haltung der Totalablehnung, 
sondern auch die Erkenntnis, durch Schweigen die Entwicklung der eigenen Stadt 
nicht beeinflussen zu können. Die Entdeckung gemeinsamer Standpunkte lockerte die 
nationalen Kommunikationsgrenzen innerhalb der Stadt und führte zu ersten Ansät¬ 
zen gemeinsamer Interessenvertretung. Sowohl aus dem Block der Altdeutschen als 
auch aus dem der Alteingesessenen lösten sich Gruppierungen heraus, die eine ge¬ 
meinsame Politik dem Einzelkampf vorzogen. 
Die Auseinandersetzungen um die Bahnumbauten haben damit die Dynamik, die be¬ 
reits durch die Stadterweiterung in Metz initiiert war, verstärkt und die innerstädtische 
Kommunikation gefördert. Ein klar definierter Gegner, die Reichseisenbahnverwal¬ 
tung, erleichterte die Solidarisierung der Betroffenen und gab dem Konflikt eine inte- 
grative Wirkung. Stadtverwaltung und Stadtbewohner hatten einen kollektiven Lern¬ 
prozeß durchgemacht. 
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