Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

nen gegen metropolitane Einflüsse eher zu stärken als der französische Zentralismus, 
wie Jean-Louis Cohen in den Orscholzer Diskussionen herausarbeitete. Im 20. Jahr¬ 
hundert läßt sich hierfür vielerlei ins Feld führen. Doch zeigen Wittenbrocks Arbeiten 
für die Zeit vor 1918 eine überraschende, allen Vorstellungen von forcierter deutscher 
Germanisierungspolitik in Elsaß-Lothringen widersprechende Zurückhaltung der 
deutschen Verwaltung bei administrativen Stadtplanungsvorgaben, da man sich die 
Bevölkerung nicht entfremden, sondern sie gewinnen wollte. Selbst wiederholten 
dringenden Forderungen der Kommunen, ihre Planungskompetenzen durch eine 
Gesetzgebung auf Reichslandebene zu stärken, kam man deshalb erst kurz vor Aus¬ 
bruch des I. Weltkrieges nach - und dies, obwohl die Baupolitik zu den vorrangigen 
Anliegen des Kaisers gehörte, wie der Metzer Bahnhof, die Hochkönigsburg und zahl¬ 
reiche andere unter seinem direkten Einfluß entstandene Bauten zeigten. Die Wir¬ 
kung des Föderalismus scheint hier im Sinne einer regionalen Eigenständigkeit zu¬ 
nächst deutlich, erweist sich bei genauerer Prüfung jedoch als das Gegenteil: Zurück¬ 
haltung als Mittel einer vorsichtigeren und damit möglicherweise effizienteren Durch¬ 
dringungspolitik, die in diesem Fall also gerade nicht ein Spiegel föderalistischer 
Tendenzen ist. Hier bleibt viel Forschungsarbeit zu leisten, die über den Bereich der 
Stadtentwicklung im engeren Sinne weit hinausweist. 
In wiederum bemerkenswerter Ausdifferenzierung der Wirkungslinien begann die el- 
sässische Opposition gegen die sich nach der Jahrhundertwende verstärkenden, jetzt 
schon durch die demographische Expansion der meisten Städte erzwungenen Bauvor¬ 
haben mit dem Preußischen Gesetz gegen die Verunstaltung von Ortschaften von 
1907 zu argumentieren - ein preußisches Instrument gegen die preußische Verwal¬ 
tung. Nach dem I. Weltkrieg entwickelte sich eben dieses Instrument vor dem Hinter¬ 
grund der elsässischen Autonomiebewegung weiter zu einer Wahrung regionaler 
Kompetenzen und Prärogativen gegen die zurückgekehrte französische Zentralgewalt 
- mit beachtlichem Erfolg, der allerdings nicht mehr im Zeichen deutscher Gesetzge¬ 
bung, sondern in dem regionaler Identität errungen wurde.16 Die Wirkung ging 
jedoch noch weiter: Die im Reichsland entwickelten Instrumentarien zum Schutz 
historischer Ortsbilder wurden von der Ecole d’Architecture in Nancy aufgegriffen 
und als eigene Konzeptionen in der Zwischenkriegszeit in die innerfranzösische Dis¬ 
kussion eingebracht. Auf diese Weise konnten gerade auch solche Reaktionen, die im 
Ursprung - bei den elsässischen Stadterweiterungen - politisch gegen Einflüsse von 
außen gerichtet waren, über die regionale Umsetzung zur transnationalen Vermittlung 
von Städtebau-Leitbildern beitragen. 
Damit wird die Verflechtung des Spannungsfeldes Metropole-Peripherie mit dem wei¬ 
teren Spannungfeld zwischen regionaler Eigenentwicklung und Aus- oder Rückstrah¬ 
lung auf die jeweiligen nationalen Räume deutlich. Im regionalen Rahmen fand zu¬ 
nächst häufig eine Assimilation unterschiedlicher Konzepte statt, wie sie im folgenden 
unter anderem Jean-Jacques Cartal für Metz, Stéphane Jonas für die Straßburger 
Gartenstadt Stockfeld, Stefan Fisch für die "Grande percée" in Straßburg und Antoi¬ 
16 Zu der im einzelnen komplizierten Entwicklung s. Wittenbrock, Bauordnungen (Anm. 7), 
S. 278ff. 
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