Full text: Die alte Diözese Metz

Verschiedenheit in der Mundart der beiden Dörfer möchte ich ausschliesslich in 
ihren verschiedenen historischen Bedingungen suchen. Ob dabei die weltliche oder 
kirchliche Grenze mehr Einfluss gehabt, kann in diesem Fall nicht entschieden wer¬ 
den; die starke Differenzierung der zwei durch keine Terrainschwierigkeiten getrenn¬ 
ten Nachbardörfer dürfte aber gerade dem Zusammenwirken des weltlichen und 
kirchlichen Gegensatzes zu verdanken sein.“ 
Das zweite Beispiel stammt aus den Vogesen und wird auch von Morf erwähnt 
[S. 31]. Passy hat 1892 darauf hingew'iesenH, „daß Plombières vom Val-d’Ajol durch 
eine scharfe Dialektgrenze geschieden sei, für die eine Erklärung sich weder in der 
Topographie noch in der Geschichte finden lasse“. 
Passy schreibt [S. 149]: „Mais ce qui (le) rend plus curieux [ce fait], c’est que la limite 
dialectale ne coïncide, ni avec une frontière naturelle, ni avec un groupement naturel 
de population, ni avec des limites politiques anciennes ou modernes. ... D’ou vient 
donc la limite dialectale que nous avons constaté? Je pose la question, je ne peux pas 
même essayer de la résoudre.“ Die überzeugende Erklärung dieser Mundartunter¬ 
schiede von Plombières und dem Val d’Ajol stammt von Morf [S. 31]: „Die kirchliche 
Einteilung gibt diese Erklärung: Plombières gehört zum alten Bistum Toul, Val 
d’Ajol zur Diözese Besançon.“ Dazu kommt bei Val d’Ajol seine abgeschiedene 
Lage, in der Oskar Bloch in seinen „Parlers des Vosges méridionales“ (1917)9 auch 
einen Grund seiner sprachlichen Besonderheiten sah [S. 320]: „Cependant le Val- 
d’Ajol doit à sa situation excentrique un nombre appréciable de particularités.“ 
Das dritte Beispiel stammt aus dem Tessin: In großen Teilen dieses Kantons finden 
wir - wenigstens noch zu Beginn unseres Jahrhunderts - den sogenannten Rhota¬ 
zismus, d. h. intervokalisches -/- > -r-, so z. B. ALA „Flügel“ > ara; CANDELA 
„Kerze“ > candera; SCHOLA „Schule“ > scöra (waagerecht schraffiertes Gebiet). In 
den weiß ausgesparten Zonen Valle Maggia und Misox (Valle Mesolcina) bleibt hin¬ 
gegen -/- erhalten: ala, candela, scola. Der Ursprung dieser Lauterscheinung (liguri- 
sches Substrat oder nicht) ist für unsere Belange irrelevant. Interessant ist aber die 
Tatsache, daß das schraffierte Gebiet kirchlich vom Erzbistum Mailand abhängig ist, 
d. h. dem ambrosianischen Ritus angehört; das Maggiatal aber (weiße Zone) zum 
Bistum Corno gehört und das ebenfalls weiß gezeichnete Gebiet der Mesolcina zum 
Bistum Chur; d. h., eine sprachliche Lauterscheinung (hier der Rhotazismus) ist ein¬ 
deutig abhängig von der kirchlichen Gliederung. Die genaue Karte der sogenannten 
ambrosianischen Territorien umfaßt zwar nicht den gesamten Raum des heutigen 
Rhotazismus, in den ursprünglich ausgesparten nicht ambrosianischen Zonen (Luga¬ 
no und Bellinzona) hat aber ein Ausgleich stattgefunden, d. h. dank der Vorrangstel¬ 
lung von Mailand hat sich der Rhotazismus auch in den dazwischenliegenden Gebie¬ 
ten ausgebreitet. Die zu den Bistümern Chur und Corno gehörenden Randzonen hat 
diese Lauterscheinung nicht mehr erreicht. 
P. Passy, Notes sur quelques patois vosgiens, in: Revue de philologie française et provença¬ 
le 6 (1892), S. 149; vgl. auch O. Bloch, Une frontière linguistique entre les Vosges et la 
Haute-Saône, in: Festschrift für Ernst Tappolet, Basel 1935, S. 42-48. 
’ O. Bloch, Les parlers des Vosges méridionales, Paris 1917. 
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