Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

den Begriff „Saarabien“, der Paschawirtschaft, Unterwerfung und Rechtlosigkeit 
miteinander verknüpfte, das Herrschaftssystem des Reviers in die Nähe des orientali¬ 
schen Despotismus rückte und für die Region vor 1914 sprichwörtlich wurde. 
Es läßt sich vermuten, daß dieser Konflikt, der auf der Ebene der Meinungsführer des 
öffentlichen Lebens ausgefochten wurde und erstmals zu einer Distanzierung der 
regionalen Repräsentanten des Protestantismus von Stumms Omnipotenzanspruch 
führte, auch in den evangelischen Unterschichten aufmerksam verfolgt wurde und 
bisherige Loyalitäten lockerte. Wilhelm II. trug sein’ Teil dazu bei, als er im Februar 
1896 ein Telegramm an Stumm veröffentlichen ließ: Christlich-sozial ist Unsinn, hieß 
es da. Die Herren Fastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die 
Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar 
nichts angeht.39 
Das Eindringen des überkonfessionellen Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter ins 
Saarrevier seit 190440 machte den gewerkschaftlichen Gedanken unter den evangeli¬ 
schen Arbeitern erstmals hoffähig und rückte das Problem der insbesondere auf den 
Hütten völlig unterdrückten Koalitionsfreiheit in den Mittelpunkt. Gleichzeitig diffe¬ 
renzierten sich die Positionen sowohl innerhalb der Pastorenschaft als auch unter den 
protestantischen Arbeitern: Während etwa Philipp Bleek, gerade als Vikar in Mal- 
statt-Burbach angestellt, 1907 die „gelben“ Werkvereine verurteilte und Gewerkschaf¬ 
ten empfahl,41 attackierte Pfarrer Nold, der Vorsitzende des Saarverbandes der 
Evangelischen Arbeitervereine, die christlichen Gewerkschaften als trojanisches Pferd 
des Zentrums und bekannte, daß er die ultramontane Gefahr für schlimmer halte als 
die sozialdemokratische,42 Die Evangelischen Arbeitervereine des Reviers, die bis 
1914 auf immerhin 7 199 Mitglieder anwuchsen, lehnten 1906 den kollektiven 
Beitritt zu den christlichen Gewerkschaften als unevangelischen Zwang ab43 und 
kooperierten bis 1918 lebhaft mit den „gelben“ Werkvereinen der Saarhütten.44 
39 Zit. bei Fritz Fischer, Der deutsche Protestantismus und die Politik im 19. Jahrhundert, in: 
Historische Zeitschrift 171 (1951), S. 509; vgl. Klaus Erich Pollmann, Landesherrliches 
Kirchenregiment und Soziale Frage. Der evangelische Oberkirchenrat der altpreußischen 
Landeskirche und die sozialpolitische Bewegung der Geistlichen nach 1890, Berlin 1973. 
40 Vgl. Michael Schneider , Die Christlichen Gewerkschaften 1894-1933, Bonn 1982, S. 55-74; 
Horstwalter Heitzer, Die christliche Bergarbeiterbewegung im Saarrevier von 1904 bis zum 
Ersten Weltkrieg, in: Soziale Frage und Kirche im Saarrevier, S. 233-271. 
41 Gewerkschaftliche Nachrichten v. 5. 10. 1907, LHA Koblenz Best. 442/Nr. 3790, 
S. 107-113. 
42 Dto. v. 15. 1. 1906, LHA Koblenz Best. 442/Nr. 3792, S. 183; als Beispiel für das sich 
erweiternde Spektrum vgl. Günter Brakeimann, Evangelische Pfarrer im Konfliktfeld des 
Ruhrbergarbeiterstreiks von 1905, in: Jürgen Reulecke/Wolfhard Weber (Hrsg.), Fabrik, 
Familie, Feierabend. Beiträge zur Sozialgeschichte des Alltags im Industriezeitalter, Wuppertal 
1978. S. 297-314. 
43 Resolution abgedruckt bei Peter Kiefer, Die Organisationsbestrebungen der Saarbergleute, 
ihre Ursachen und Wirkungen auf dem Bereich des Saarbrücker Bergbaues und ihre Berechti¬ 
gung, Diss. Straßburg 1912, S. 109 f. 
44 Jahresbericht über die evangelische Arbeitervereinssache. Erstattet in der Delegiertenversamm¬ 
lung zu Saarbrücken am 4. Juli 1914 von Pfarrer Lic. Rudolf Francke, Kassel 1914, S. 96, 
120; zu den „gelben“ Werkvereinen vgl. Karl Alfred Gabel, Kämpfe und Werden der 
Hüttenarbeiterorganisationen im Saargebiet, Saarbrücken 1921, S. 162-175; Klaus J. Matt¬ 
heier, Die Gelben. Nationale Arbeiter zwischen Wirtschaftsfrieden und Streik, Düsseldorf 
1973. 
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