Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Klaus-Michael Mallmann 
Zwischen Machtanbetung und Revolte - Protestanten und 
Proletarisierung an der Saar 
Man muß nicht unbedingt ein tiefgläubiger Mensch sein, um Religion und Kirche 
gerade auch im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung und Demokrati¬ 
sierung, der Entstehung von Nationalstaaten und der Bildung neuer Klassengesell¬ 
schaften, große historische Potenz zuzubilligen. Zweifellos veränderten die neuen 
Problemfelder dieses Jahrhunderts den Stellenwert der Religion, bedingte der Zusam¬ 
menbruch der adligen Reichskirche im Gefolge der Französischen Revolution einen 
fundamentalen Struktur- und Bedeutungswandel der Kirchen in Staat und Gesell¬ 
schaft, ohne indes ein postreligiöses Zeitalter einzuläuten und den Glauben zu einer 
schwindenden Größe zu machen. Die für Bayern, Württemberg, Rheinland-Westfalen 
und das Saarrevier vorliegenden Studien über den religiösen Mentalitätswandei der 
Bevölkerung im 19. Jahrhundert stimmen darin überein, daß die Modernisierung 
insbesondere in den Unterschichten Ängste freisetzte und Orientierungskrisen provo¬ 
zierte, die vorrangig mit Hilfe der Religion bewältigt wurden und keineswegs 
unmittelbar in einer Entkirchlichung mündeten.1 Gleichwohl verlief dieser Prozeß 
vielschichtig: Er war abhängig von der jeweiligen Konfession und dem sozialen Status 
ihrer Mitglieder, den konkreten religiösen Konfrontationslinien und kirchenamtlichen 
Entscheidungen, dem spezifischen Stadium der Industrialisierung, Proletarisierung 
und Klassenbildung, beeinflußt von ökonomischen Wechsellagen und kulturellen 
Traditionen, von aktuellen politischen Streitfragen und langfristigen gesellschaftlichen 
Veränderungen. Kurzum: man tut gut daran, räumlich und zeitlich genau zu 
differenzieren. 
Diese Notwendigkeit entspringt nicht nur allgemeiner methodischer Reflexion, sie 
drängt sich geradezu auf, wenn wir uns unserem Thema prima facie nähern und dabei 
über einen ebenso überraschenden wie erklärungsbedürftigen Widerspruch stolpern, 
der bislang kaum irgendwo bemerkt, geschweige denn analysiert wurde: Während des 
19. Jahrhunderts bildeten die Protestanten gewissermaßen die Herrenschicht der 
Region. Sie stellten die Unternehmer und die Spitzen des Bergfiskus, sie dominierten 
in Bürgertum und Beamtenschaft, bildeten die Wählergemeinde der Nationalliberalen, 
1 Vgl, Fintan Michael Phayer, Religion und das Gewöhnliche Volk in Bayern in der Zeit von 
1750-1850, München 1970; Werner K. Blessing, Staat und Kirche in der Gesellschaft. 
Institutioneile Autorität und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts, 
Göttingen 1982; David Blackbourn, Class, Religion and Local Politics in Wilhelmine 
Germany: the Center Party in Württemberg before 1914, New Haven-London 1980; 
Jonathan Sperber, Populär Catholicism in Nineteenth Century Germany. Society, Religion 
and Politics in Rhineland-Westphalia 1830-1880, Princeton 1984; Klaus-Michael Mall¬ 
mann, „Aus des Tages Last machen sie ein Kreuz des Herrn . . .“? Bergarbeiter, Religion und 
sozialer Protest im Saarrevier des 19. Jahrhunderts, in: Wolfgang Schieder (Hrsg.), Volksreli¬ 
giosität in der modernen Sozialgeschichte, Göttingen 1986, S. 152-184; als jüngster For¬ 
schungsbericht Michael Klöcker, Katholizismus und Protestantismus im 19./20. Jahrhun¬ 
dert, in: Archiv für Sozialgeschichte 28 (1988), S. 469-488. 
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