Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Obwohl die Wahlbeeinflussung abgenommen hatte nach den politischen Prozessen 
von 1903 und 1904 und durch die Einführung der Wahlkabinen und -urnen 1903, 
hatte die SPD im preußischen Teil des Saargebietes keine größeren Erfolge erzielen 
können. Karl Rohe hat das verspätete Eindringen der SPD in das Ruhrrevier 
statistisch nachgewiesen.70 Er hält die Saar für ein wichtiges Vergleichsgebiet zur 
Entwicklung an der Ruhr. Hier ist die Durchsetzung der SPD nämlich noch weiter 
verspätet: Erst im Laufe des 1. Weltkrieges dringen freie Gewerkschaften und SPD an 
der Saar vor und gewinnen eine Anhängerschaft, wie man sie in einem Schwert ndu- 
striegebiet erwarten würde. Rohe hält zur Begründung weniger die Tatsache für 
erklärungsbedürftig, daß das Zentrum die Partei der katholischen Arbeiter blieb, als 
die, daß zahlreiche evangelische Arbeiter weiterhin nationalliberal oder freikonserva¬ 
tiv wählten. 
Zusammenfassung 
Der plötzliche Ausbruch der Streikbewegung der Bergarbeiter an der Saar im Mai 
1889 überraschte die Zeitgenossen und ließ sie eine Frage stellen, die Horst Steffens 
folgendermaßen formulierte: „Wie kam, so müssen wir uns fragen, eine Arbeiter¬ 
schaft, deren Bodenständigkeit, Religiosität, Arbeitswille, Königstreue, Vaterlandslie¬ 
be und Schicksalsergebenheit in regierungsamtlichen, bergoffiziellen und volkskundli¬ 
chen Veröffentlichungen gleichermaßen gerühmt wie bewundert wurde, dazu, sich in 
so umfassender und militanter Weise gegen die herrschende Dreifaltigkeit von 
staatlicher Administration, lokaler Behörde und geistlichen Ratgebern zu erheben?“71 
In dieser Bewegung zeigte sich ein Selbstbewußtsein der Arbeiterschaft, das bei 
äußerer Anpassung seine Interessen auf vielfältige Weise durchzusetzen wußte, aber 
auch gegebenenfalls zur Rebellion bereit war.72 
So bewirkte die Zerschlagung des Rechtsschutzvereins 1893 zwar eine 10jährige 
Periode der Resignation der Arbeiterschaft, und aus den eigenen Reihen gab es keine 
Initiative mehr zur Schaffung einer Arbeiterorganisation, aber als 1904 der Gewerk¬ 
verein christlicher Bergarbeiter an der Saar Mitglieder zu werben begann, gelang ihm 
der Durchbruch in relativ kurzer Zeit. Und dies geschah trotz der Gegnerschaft des 
Trierer Bischofs und eines Teiles der katholischen Geistlichen und der Existenz der 
von diesen geförderten katholischen Fachabteilungen, die nur Scheingewerkschaften 
waren. Die christlichen Gewerkschaften waren schließlich erfolgreicher als ihre 
Gegner im katholischen Lager und trugen durch ihren Widerstand gegen klerikale 
Bevormundung zur Emanzipation der Arbeiter an der Saar bei. 
70 Karl Rohe, Die „verspätete“ Region. Thesen und Hypothesen zur Wahlentwicklung im 
Ruhrgebiet vor 1914, in: Probleme politischer Partizipation im Modernisierungsprozeß. 
Hg. v. Peter Steinbach. Stuttgart 1982 (= Geschichte und Theorie der Politik: Unterreihe A, 
Geschichte, Bd. 5), S. 231-252. 
71 Steffens (s. Anm. 1 S. 106). 
72 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul und Ralph Schock, Die saarländische Sphinx. 
Lesarten einer Regionalgeschichte, in: Richtig daheim waren wir nie (s. Anm. 36) 
S. 264-272. 
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