Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Grenze bildet. Durch den schwarzen fußhohen Kot watet man an zahllosen Fabrikge¬ 
bäuden, Arbeiterwohnungen und 'Wirtshäusern vorüber bis nach dem preußischen 
Ort Sulzbach, wo die Industrie an allen Ecken und Enden ihren Wohnsitz aufgeschla¬ 
gen hat. Der Ort ist bei unverstopfter Nase leicht zu finden, denn es befindet sich hier 
eine Salmiak- und Berlinerblaufabrik und faulende Tierleichname und Äser füllen die 
Luft mit mephitischen Dünsten. Den Bach entlang kommt man nach Duttweiler, 
einem preußischen Flecken, wo der modernen Göttin Industrie aus den Alaunfabriken 
stinkende Opferdünste aufsteigend65 
Straßenpflasterung, Beseitigung der Dungstätten vor den Häusern, Kanalisation, 
Wasserleitung, Straßenbeleuchtung sollten hier in einem Zeitraum von mehreren 
Jahrzehnten Abhilfe schaffen. In der Literatur findet die Verbesserung der hygieni¬ 
schen und sanitären Verhältnisse wenig Beachtung. Es fehlen nicht nur die Ansätze 
einer flächenhaften Betrachtung dieser Verhältnisse im Revier, sondern auch die 
einzelnen Stadtgeschichten und Ortschroniken bleiben in ihren Angaben dürftig und 
pauschalierend. Öfter wird von der Verbesserung der Trinkwasserversorgung gespro¬ 
chen, dabei aber nicht unterschieden zwischen der Vergrößerung der Zahl der 
öffentlichen Lauf- oder Druckbrunnen, die durch ein Leitungsnetz gespeist wurden, 
und der uns heute geläufigen Hausanschlüsse. Es scheint, daß die Versorgung der 
einzelnen Häuser durch ein Leitungsnetz erst im letzten Jahrzehnt des 19.Jhs. 
einsetzte und daß, abgesehen von einigen Städten, die Kanalisation in den Industrie¬ 
gemeinden erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts üblich wurde. 
Parallel mit der Verbesserung des Trinkwassers lief die Bekämpfung von Seuchen und 
ansteckenden Krankheiten, wie sie als Typhus und Cholera, Diphterie und Scharlach 
in unserem Zeitraum wiederholt auftraten. Daneben forderte die Tuberkulose ihre 
Opfer, allein im Kreise Saarlouis in den Jahren 1906 und 1907 190 Menschen.166 
Neben dem Ausbau der schon früher bestehenden Dienststellen der Kreisdesinfektoren 
entstanden im Zentrum des Reviers ein staatliches bakteriologisches Untersuchungs¬ 
amt, das 1912 zum königlichen Institut für Hygiene und Infektionskrankheiten167 
ausgebaut wurde, und ein Nahrungsmitteluntersuchungsamt.168 Die Zahl der Kran¬ 
kenhäuser stieg dank der Initiative von Kommunen, Kirchen, Krankenkassen und 
Großbetrieben. Der Beitrag von Paul Thomes169 in dem Sammelband „Industriekul¬ 
tur“ geht über erste Ansätze nicht hinaus. Aus meiner Kenntnis der Quellenlage dürfte 
sich Bau, Trägerschaft, Kapazität, Ausrüstung mit Geräten und Apparaten, Speziali¬ 
sierung und Ärzteschaft der einzelnen Krankenhäuser darstellen lassen, aber nicht 
Fakten der Behandlung wie durchschnittliche Bettenbelegung, Verweildauer von 
Kranken, zahlenmäßiges Verhältnis zwischen Patienten und Pflegepersonal, Heilerfol¬ 
ge. 
16'1 Becker, August, Die Pfalz und die Pfälzer, 1857, 2. Auflage Neustadt S. 698. 
166 Einige Angaben zu Krankheiten und Seuchen bei Anton Delges, Vom Medizinalwesen, in: 
Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Saarlouis 1966, S. 386-390. 
167 Ruppersberg (wie Anm. 176) Bd. 3, 2 S. 458. 
168 Ebenda S. 458. 
169 Thomes, Paul, Verwaltete Krankheit. Die Entstehung des modernen Krankenhauses, in: 
Industriekultur an der Saar (wie Anm. 157) S. 160-172. 
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