Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

den lothringischen Erzfeldern diesseits und jenseits der Reichslandgrenzen zu erwer¬ 
ben. In einer zweiten Stufe verlegten sie die Roheisenerzeugung nach dort, meist in 
eigens dafür neu errichtete Hütten. In einer dritten Stufe erfolgten Fusionen mit 
lothringischen oder luxemburgischen Werken. Die Einführung des Flußstahlverfah¬ 
rens veranlaßte wieder die Verhüttung von Minette in den Saarhütten. 
Gegenüber der Behandlung der Probleme der Minetteverhüttung treten in den 
Firmengeschichten andere Innovationen zurück, wie z. B. die Vergrößerung der 
Kapazität der Hochöfen, die Einführung von Verfahren zur Erzeugung eines hoch¬ 
wertigen Qualitätsstahles im Siemens-Martin-Verfahren oder im Elektrolichtbogen- 
ofen und die gegen Ende des Jahrhunderts beginnende Ersetzung der Dampfmaschi¬ 
ne77 durch Großgasmotoren. 
Enge Wechselbeziehungen bestanden zwischen den Eisenhütten und der Industrie der 
Steine und Erden. Der Verhüttungsprozeß selbst verlangte, spätestens seit der 
Einführung des Thomasverfahrens, größere Mengen Kalk. Er wurde zunächst von 
Kleinbetrieben in den beiden Muschelkalklandschaften des Saargaues und Bliesgaues 
geliefert.78 Bald nach der Jahrhundertwende gingen die Hütten daran, eigene große 
Kalkwerke anzulegen, Neunkirchen in Gersheim und Blickweiler (1904), Haiberg in 
Ormesheim (1908), Völklingen zunächst in Lothringen, 1913 dann in Überherrn.79 
Der Bedarf der Hütten, des Baugewerbes und der Landwirtschaft nach Kalk konnte 
nicht mit der Produktion aus den alten einfachen Feldöfen gedeckt werden, die nach 
dem Meilerprinzip arbeiteten, sondern auch hier brachten Innovationen leistungsfähi¬ 
gere Systeme (Kalkschachtofen, Ringofen, Etagenofen und Drehofen). 
Zur Ausmauerung von Hochöfen und Kokskammern entstand Bedarf an hochtempe¬ 
raturbeständigen Steinen. Sie wurden schon seit Anfang der 1850er Jahre von der 
Fabrik Schenkelberger in Dudweiler-Jägersfreude, seit 1874 auch von den Rheini¬ 
schen Chamotte- und Dinaswerken in Ottweiler und Homburg geliefert. 
Der Aufschwung von Bergbau und Industrie sowie die großen öffentlichen und 
privaten Bauvorhaben ließen auch neue Ziegeleien, jedoch keinen Großbetrieb, 
entstehen, ihr Niedergang setzte schon im ersten Drittel des 20. Jhs. ein. 
Die Herstellung von Hochofenzement und von Schlackensteinen begann auf den 
Saarhütten zögernd in den letzten Jahren vor dem ersten Weltkrieg, erreichte aber erst 
in den 1920er und 1930er Jahren ihren Höhepunkt.80 
Im Bereich der feinkeramischen Industrie erfolgte in unserem Berichtszeitraum die 
Konzentration in Händen der Firma Villeroy & Boch an den drei Standorten 
77 Herrmann, Hans-Walter, Der Siegeszug der Dampfmaschine in der Saarindustrie, in: 
ZGSaargegend 29, 1981 S. 165-216. 
78 Über das Kalkwerk der Gebr. Bier in Kerprichhemmersdorf (1902-1917) vgl. Prediger (wie 
Anm. 88) S. 94-106. In Lautzkirchen betrieben die Pfälzer Zement- und Kalkwerke ein Werk 
(Adreßbuch Westpfalz 1911/12 (wie Anm. 18) S. 54). 
79 Johannsen, Otto, Kalkversorgung, in: 50 Jahre Röchling (wie Anm. 67) S. 238 ff. 
80 Allgemein dazu vgl. Bomke, K., Die wirtschaftlichen und technischen Beziehungen zwischen 
Kohle und Zement. Ein Beitrag zur energiewirtschaftlichen Rationalisierung der Zementindu¬ 
strie, Mannheim 1955. 
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