Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

vielerorts im Binnenland zu Meldeköpfen der Revolution wurden.110 Exakt zu belegen 
ist dies für Neunkirchen, wo Flakkanoniere am frühen 9. November einen Soldaten¬ 
rat wählten und mit den Hirsch-Dunckerschen Metallern des Eisenwerks die Bewe¬ 
gung vorantrieben.111 Dem läßt sich anfügen, daß die Flugwache St. Avold - eine 
Außenstelle der Saarbrücker Flugmeldezentrale - sich seit der Metzer Landwehrmeu¬ 
terei Ende Oktober 1918 als Nachrichtenumschlagstelle betätigte und nicht zuletzt 
110 Vgl. E.-H. Schmidt, Heimatheer u. Revolution, 1981, S. 232 ff., 240, E. Kolb, Die 
Arbeiterräte in der dt. Innenpolitik, 1978, S. 84, Kluge (wie Anm. 104) S. 71, 73, 76, 
110 ff. - Sicherheitsmaßnahmen, wie Funkstellen mit Offizieren zu besetzen, wurden 
offenbar von den aufgeweckten Nachrichtenmännern mühelos umgangen (vgl. etwa Sanner 
(Anm. 19) S. 146, Möller (Anm. 26) I S. 583, Ludendorff (Anm. 53) S. 615, v. Einem 
(Anm. 70) S. 476). Nach einem vom AOK 5 am 8. Nov. mitgehörten Funkspruch aus Köln 
befanden sich zuerst die Kasernen „um die Radiostation“ in den Händen des SR (Gailwitz 
(Anm. 67) S. 464). In Saarbrücken verfügten die Aufrührer sicher am 9. Nov. über alle 
Fernmeldemittel, daher waren Befehle nach außen nicht mehr durchzubringen, zumal nicht zu 
den vom AOK 19 (St. Avold) zugesagten Verstärkungen (v. Unger, Tagebuch (Anm. 8) 
S. 407). 
111 Die regimentsstarke Flakgruppe Neunkirchen (16 Geschütze, 4 Fla-MG-Züge, 6 Scheinwer¬ 
ferbatt.) bildete am 9. Nov. (Samstag, 15°° Uhr) einen SR, nachdem die Vorgesetzte Behörde 
in Saarbrücken (Stoflak beim GKdo, d. V.) den Verkehr der Soldaten mit den Bürgern 
vergeblich unterbinden wollte (Neunkircher Volks-Ztg. v. 11. Nov.). Daraufhin schritten 
Vertreter des H.-D. Gewerkvereins, u. a. die Sekretäre Trabandt (Trabert?) u. Schroer, zu 
Verhandlungen mit dem Stummschen Gen.-Dir. Böhm u. beriefen eine Hüttenarbeiterver¬ 
sammlung abends ein. Diese liquidierte den Nationalen Hüttenverein am Ort, wählte einen 
Arbeiterrat u. bildete mit dem SR der Flak einen vorläufigen ASR. Nachdem sich diesem die 
Räte der übrigen Neunkircher Garnisonstruppen (E-Btl. Inf.-Rgt. 174, Landst.-E-Btl. XXI/ 
4, Offz.-Gefangenenlager-Wachkomp, usw.) unterstellt hatten, konstituierte am Sonntagmit¬ 
tag eine von Flaksoldaten geleitete Volksversammlung, auf der die Kanoniere Noß u. Grill, 
die Gewerkschafter D. Schroer u. H. Petri (ab 1919 Bergarbeitersekretär) sprachen, unter 
Zuwahl von 22 Bürgern aller Schichten den Neunkircher ASR. Eine Delegation ging sofort 
nach Ottweiler, wo Soldaten der dortigen E-Esk.-Ul. Rgt. 11 nach Befreiung dreier in 
Saarbrücken inhaftierter Kameraden randalierten, übernahm das Landratsamt, besorgte den 
Sicherheitsdienst u. initiierte Räte in Ottweiler, Landsweiler-Schiffweiler, Spiesen u. anderen 
Orten als „Unterabteilungen“, denen nicht nur in" Wiebelskirchen Vertreter aller Gewerk¬ 
schaften, der SPD, USPD u. Fortschrittlichen Volkspartei angehörten. Der zugleich den Kreis 
Ottweiler repräsentierende Neunkircher ASR fungierte offenbar als Gliedorganisation des 
zentralen Saarbrücker ASR für den Korpsbereich XXI/XVI bzw. das Saargebiet (vgl. 
Anm. 117), dessen Mitglied Hetterich (vgl. Anm. 100) übrigens die Delegation nach Ottwei¬ 
ler begleitete. Die Struktur des Neunkircher ASR, von dessen 4 zivilen Vorständlern zunächst 
drei - samt dem am 16. Nov. noch nachweisbaren Vorsitzenden Daniel Schroer - H.-D.-Ge¬ 
werkschafter waren, wandelte sich im Zuge der Verlegung der Flakgruppe (ab 13. Nov.) u. 
des E-Btls. 174 ins Rechtsrheinische u. der Demobilisierung der restlichen Einheiten späte¬ 
stens am 21. Nov. (Bürgerversammlung, Rückmarsch der Fronttruppen) zum lokalen Arbei¬ 
ter- u. Bürgerrat; Vorsitzer war der vorgenannte Sozialdemokrat Hermann Petri. Vgl. dazu 
LA Saarbr. Best. Landratsamt Ottweiler Nr. 1, 5, Neunkircher Volks-Ztg. (Fortschritt), 
Neunkircher Ztg. (Zentrum), ferner Krajewski S. 183 f., Zewe S. 77 f. (beide Anm. 1), 
u. Gabel (Anm. 92) S. 154, 182 ff., Trittelvitz (wie Anm. 8) S. 131 ff. - Skepsis kommt 
wiederum auf gegenüber Metzmacher (Anm. 85) S. 250 ff. (der u. a. Schroer zum Mehr¬ 
heitssozialisten macht u. SPD u. USPD die Volksversammlung am 10. Nov. einberufen läßt) 
u. Mallmann-Steffen (Anm. 92) S. 122 f. Teils in bedenklich selektivem Umgang mit 
Quellen u. Lit. (z. B. Trittelvitz) bzw. Aktenfehlinterpretation (z. B. bietet die Anm. 6 
zitierte Quelle keinen Beleg für die Bestätigung des ASR am 10. Nov. „unter Leitung“ Petris) 
überzeichnen sie die Rolle der Bergarbeitergewerkschafter u. ignorieren dabei - militärische 
Komponenten bleiben ohnehin außen vor - die Initiativen der Flaksoldaten wie die der 
HD-Metaller unter Daniel Schroer, einem 1915 aus Stahlheim b. Metz rückgewanderten 
Neunkircher (Jg. 1883). MdR Koßmann (Anm. 102) weilte übrigens, was Kiefer (Anm. 101) 
nie verwand, in den Umsturztagen bei der Programmkommission des Zentrums in Berlin 
(Fricke (Anm. 52) Bd. 4 S. 590). 
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