Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Paul Thomes 
Die Saarwirtschaft nach der Reichsgründung zwischen Boom 
und Krise 
Boom und Krise stehen als Schlagworte synonym für die wirtschaftliche Entwicklung 
der ersten Jahre des jungen Deutschen Reiches. Einem kurzen, bis dahin beispiellosen 
und gut zwei Jahre währenden Aufschwung folgte eine ebenso heftige Korrektur 
verbunden mit einer merklichen Abkühlung der Konjunktur. 
Dazu das bekannte Beispiel: Allein in Preußen schossen von Mitte 1870 bis 1874 
nicht weniger als 857 Aktiengesellschaften mit einem Grundkapital von 3,3 Mrd. 
Mark aus dem Boden, eine Summe, die zuvor in 45 Jahren zusammen nicht erreicht 
worden war. Ende des Jahres 1874 befanden sich von diesen Gründungen 123 in 
Liquidation; 37 hatten schon früher Bankrott gemacht.1 
Und einige weitere Fakten: Die deutsche Steinkohlenförderung erhöhte sich zwischen 
1870 und 1873 um 37,9 % von 26,4 auf 36,4 Mio. Tonnen. Die Roheisenerzeugung 
stieg von 1,39 auf 2,24 Mio. Tonnen um 61,2% und blieb dennoch beträchtlich 
hinter der Nachfrage zurück; denn der Verbrauch nahm um mehr als das Doppelte zu 
von 1,40 auf 2,95 Mio. Tonnen; also eine Differenz von rund 700 000 Tonnen, die 
sich entsprechend auf die Preise auswirken mußte. Entgegengesetzt verlief die 
Entwicklung dann in der Folgezeit mit einem Verbrauchsrückgang um 50 % im 
Vergleich der Jahre 1873 und 1879, während die Produktion bei geringfügigen 
Schwankungen in etwa auf dem gleichen Niveau verharrte.2 
Der Bedarf an Eisenbahnschienen wuchs zwischen 1871 und 1873 von 412 342 auf 
546 140 Tonnen, um bis 1876 rapide um mehr als die Hälfte auf 247 235 Tonnen 
abzusacken.3 
Auf der Lohnskala lassen sich Boom und Krise ebenfalls deutlich fixieren. Die 
durchschnittlichen Wochenreallöhne der Industriearbeiter erreichten, 1913 gleich 100 
gesetzt, im Jahr 1872/73 79 Punkte, 1875 84 Punkte und 1880/81 nur noch 
70 Punkte oder 83,3 % des Wertes von 1875.4 
1 G. Stolper u. a., Deutsche Wirtschaft seit 1870, Tübingen 1964, S. 24 f.; 93 davon waren 
Bergbau- und Hüttengesellschaften. Im Reich entstanden zwischen 1871 und 1874 1 018 
Aktiengesellschaften. A. Spiethoff, Die wirtschaftlichen Wechsellagen, Bd. 2, Tübingen/ 
Zürich 1955, Tafel 2. 
2 A. Spiethoff, Wechsellagen, Bd. 2, Tafeln 13 und 20. H. Mottek, Die Gründerkrise, in: 
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1966, S. 53 ff., S. 92 und S. 106 zu den Erlösen, die 
überproportional zurückgingen. 
3 W. Feldenkirchen, Die Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets 1879-1914, Wiesbaden 
1982, S. 36 Den höchsten Zuwachs an Schienenlänge gab es 1875 mit 2 436 km. Im 
darauffolgenden Jahr betrug er nur noch 1 157 km. Das Streckennetz erweiterte sich von 
21 169 km im Jahr 1871 auf 27 931 km 1875 und 33 711 km im Jahr 1880. Die verzögerte 
Rückentwicklung wurde durch die langen Planungsvorlaufzeiten bedingt. H. Mottek, Grün- 
derkrise, S. 93. 
4 W. Zorn, Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Zusammenhänge der deutschen Reichsgrün¬ 
dungszeit (1850-79), in: Historische Zeitschrift 197, 1963, S. 337. Vgl. auch W, G. Hoff- 
mann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, 
Berlin/Heidelberg/New York 1965, S. 461 ff. 
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