Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

ersten Weltkrieg realisiert werden. 1913 hatte ein Architekten Wettbewerb stattgefun¬ 
den, der 173 Vorschläge einbrachte. Hans Herkommer aus Schwäbisch Gmünd 
(später Stuttgart) erhielt den Zuschlag für sein mit dem Motto „Helden ruhen im 
Park“ (eine Anspielung auf den auf dem Kirchbauplatz befindlichen Friedhof und das 
Denkmal für die 1870 Gefallenen) bezeichneten Projekt.58 Der Ausbruch des ersten 
Weltkrieges verhinderte zunächst den Bau; erst 1923-24 konnte der Plan in die 
Wirklichkeit umgesetzt werden - mit einer gut zehnjährigen Verspätung. Aber die 
Kirche galt dann immer noch als sehr modern! Nikolaus Irsch schrieb 1929 dazu: 
„Die erste Großkirche im Zeitstil gewagt . . . Ein ebenso schöner wie kluger Bau; 
denn er ging auf Vermittlung aus. Er brach allerdings mit allen ererbten Ornament¬ 
formen und entwickelte neue Kleinlinien auf Grund des neuen Baustoffes; er wurde 
daher als durchaus modern von den einen gepriesen, von den anderen abgelehnt. 
Tatsächlich aber sprach in der Formung des Baukörpers die Tradition ... ein 
entscheidendes Wort mit. Den auf Vergangenes eingestellten Beschauer nahm dies 
unbewußt gefangen . . . Einen besseren, geschickteren Boten als diese Kirche hätte die 
Zeitkunst wohl kaum in die Diözese entsenden können.“59 - An der Stelle einer jetzt 
verfaßten Beschreibung lassen wir den Architekten, der sein Werk erläutert, selbst zu 
Wort kommen:60 Die Kirche lagert am Ende einer sich in die Stadt hereinschiebenden 
Anhöhe ... Im Stadtbild wirkt der Bau in verschiedenartigster Weise. Schlank und 
schmal von Westen her; von Süden als eine langgelagerte, wuchtige Masse über dem 
Häusermeer . . . Die Doppeltürme recken sich ... als zusammengehöriges, gedrunge¬ 
nes Massiv empor . . . Die Grundgedanken des Entwurfes vom Jahre 1913 wurden 
beibehalten: Doppeltürme an der Westwand, große, weitgespannte Halle als Mittel¬ 
schiff, nischenförmige niedrige Seitenschiffe als Beicht- bzw. Andachtskapellen, sowie 
dem Hauptgewölbe untergeordnete Querschiffe . . . Durch konzentrische Wiederho¬ 
lung der Tonnengewölbe im Hauptschiff, Vorchor und Chor, sowie der Altarfenster¬ 
rundung wird der Blick gezwungen, gleich beim Eintritt in die Kirche nach dem Altar 
als dem religiösen und räumlichen Mittelpunkt der Kirche zu schauen. Alles lenkt hin 
zur Gotteswohnung . . . Altar, Fenster und Engelsäulen bilden samt dem ganzen 
Altarraum eine zusammengehörige Einheit... Da die Kirche St. Michael geweiht ist, 
geht das Engelsmotiv durch die ganze Kirche ... - Im wesentlichen wurde der Plan 
von 1913 unverändert ausgeführt. Aus Sparsamkeitsgründen verzichtete man in der 
Notzeit auf den an der Südseite geplanten Kreuzgang. Die gegenüber der Planungszeit 
veränderte stilistische Situation zeigt sich unter anderem in der „Bekrönung“ der 
oberen Turmabschlüsse, wenn man sie mit der Planung von 1913 vergleicht.61 
58 Ein halbes Jahrhundert (wie Anm. 57), S. 11. - Busse (wie Anm. 19), S. 131. 
59 Irsch (wie Anm. 57), S. 494. 
60 Nach Morper<2j (wie Anm. 57), S. 36 und 38. 
61 St. Michael ... in Bildern (wie Anm. 57), Abb. S. 9. - Zu Hans Herkommer (1887-1956): 
Thieme-Becker XVI, S. 478 f. - Vollmer II, S. 427. - Vollmer VI, S. 47. - Nachruf, in: 
Das Münster Jg. 10, S. 63 f. - Zu Leben und Werk Herkommers: G. Merkle, Kirchenbau im 
Wandel. Ruit bei Stuttgart 1973, S. 67-69, die Nummern auf S. 176 (Index). 
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