Full text: Volk, Reich und Westgrenze (39)

Als Neusiedler seien in jenen Jahren Tiroler, Wallonen, Schweizer, Süddeutsche 
und besonders im Seillegebiet Franzosen, vornehmlich Picarden gekommen. 
Auch die zum deutschen Hochadel gehörigen Grafen von Leiningen-Dagsburg 
hätten um der Hebung der Landeskultur und der Erhöhung der territorialstaat¬ 
lichen Einkünfte willen picardische Neusiedler angeworben. „Nationale Gesichts¬ 
punkte lagen den Staatsmännern der Zeit im allgemeinen fern“, führte Ewig die 
Anachronismen der nationalpolitischen Verwertungswissenschaft auf den Boden 
der historischen Tatsachen zurück. Nicht der ausdrückliche Wunsch des Königs 
von Frankreich habe die Sprachgrenze verschoben, sondern das gegenüber 
Deutschland größere Siedlungspotential Frankreichs nach den geringeren Bevöl¬ 
kerungsverlusten des Dreißigjährigen Krieges.541 
Bürckel und Emrich waren mit Ewigs Ergebnissen wenig zufrieden. Die Unter¬ 
suchungen zur Verschiebung der Sprachgrenze mussten „mit besonderer Vor¬ 
dringlichkeit“ weiterverfolgt werden.542 Forscher wurden in die einzelnen Kreise 
der Moselle geschickt. Im Kreis Saarburg (Sarrebourg) arbeitete der saarländische 
Regionalhistoriker Kloevekorn. Ebenfalls im Kreis Saarburg ließ der Kreisschul¬ 
rat durch seine Lehrkräfte „Taufen, Geburten und Eheschließungen für die ersten 
30 Jahre nach Anlage des Kirchenbuches“ aufzeichnen und sandte eine Übersicht 
und einzelne Arbeiten ans Staatsarchiv.543 Ewig forschte in Nancy weiter. Da 
mittlerweile Zivilpersonen die Einreise nach Frankreich verwehrt war, musste 
sich Ewig für eine Reisegenehmigung nach Nancy an die SS wenden.544 Eine 
langfristige Einreise aber wurde ihm nicht gewährt und Ewig beauftragte in 
Nancy einen deutschen Unteroffizier mit der Erforschung der „Volksgrenze“.545 
Angeregt durch den öffentlichen Vortrag Petris Anfang Dezember 1943 über die 
„Entstehung und nationale Bedeutung der germanisch-romanischen Volksgrenze“ 
im Lothringischen Institut beauftragte die Gauleitung zudem Christmann mit der 
historischen Erforschung der lothringischen Siedlungs- und Familiennamen.34'’ 
Doch die Machthaber im Gau konnten weder aus den Forschungen zur Verschie¬ 
bung der Sprachgrenze, noch aus den parallelen Namensforschungen politisch 
brauchbare Ergebnisse ziehen. 
Weil sich Ewig nicht der von den Nationalsozialisten gewünschten Linie an¬ 
passte, wurden seine Arbeiten von anderen angeglichen. Im Juni 1943 reichte 
541 ADM, 1W190, Sprachgrenze: Ewig, Verschiebung v. 23.2.1944, 5, cf. 6. 
542 StdAKn, 26/49: Büttner an Mayer v. 19.4.1944. 
543 ADM, 1W190, Sprachgrenze: Ewig an Emrich v. 24.5.1944, Schulrat Kr. Saarburg an Ewig 
v. 29.7.1944; cf. ADM, 1W190, Mappe „2AR17: Recherches sur les variations de la limite des 
langues“: „Beitrag von St. Quirin zur Entwicklung der Sprachgrenze“. 
344 ADM, 1W190, Sprachgrenze: Ewig an Emrich v. 15.3.1944. 
545 ADM, 1W190, Sprachgrenze: Ewig an Emrich v. 3.4.1944. 
346 HMP, G/Sach 1943-44: Christmann an Wegener v. 12.1.1944 u. an Stadtbibliothek Metz v. 
27.1.1944, cf. Christmann an Emrich v. 27.1.1944; HMP, G/Sach 1943-44, Allgemein: Christ¬ 
mann an PusteFfm v. 4.3.1944; AMMetz, 2Z37: Emrich, Halber u. Overbeck an Schrod, 
Poststempel v. 27.11.1943. 
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