Full text: Volk, Reich und Westgrenze

schaftlicher Hilfsarbeiter am Bezirksarchiv Straßburg,hatte im Jahr zuvor gegen 
Steinbachs Angriffe seine eigenen Thesen zur deutsch-französischen Sprachgrenze, 
namentlich sein Konzept verteidigt, dass kulturelle Veränderungen grundsätzlich 
von wandernden Menschen verbreitet würden. Anders als sein Epigone kritisierte 
Witte Steinbachs linguistische Analysen. Mängel berge nicht nur Steinbachs 
Übertragung der an Dialektgrenzen gewonnenen Methoden und Modelle auf 
Sprachgrenzen, sondern vor allem seine toponymischen Bestandsaufnahmen und 
Interpretationen. Abwegig sei Steinbachs Annahme, dass es zu einem breiten Ver¬ 
lust fränkischer Siedlungsnamen in Nordfrankreich gekommen sei, wogegen 
schon das Überleben der relativ zu ihrer geringen Bevölkerungszahl sehr stark 
vertretenen burgundischen und westgotischen Siedlungsnamen spreche. Witte 
verwies nachdrücklich auf die Abstufungen in der Dichte namensgeschichtlicher 
germanischer Nachweise, beginnend mit einer Häufung im Gürtel an der mittel¬ 
alterlichen Sprachgrenze über eine ansehnliche Menge in den nördlichen Gebieten 
bis hin zu spärlichen und schließlich ganz fehlenden Befunden im Inneren des 
früheren Galliens. Dadurch kämen „die Unterschiede in der Stärke und Dichtig¬ 
keit der germanischen Besiedlung zum Ausdruck“.52’ Steinbachs Versuch, die 
Tatsache unterschiedlichen Dichtegrades geschichtlicher Sprachspuren im roma¬ 
nischen Westen zu relativieren, wurden gleichfalls von Schilling abgelehnt.* 524 
Ebenso stießen sich Theodor Mayer und Büttner an den Deutungen Steinbachs.525 
Für gefährlich hielt Witte die entstellenden Kolportierungen der Steinbachschen 
Thesen, weil wissenschaftliche Laien immer häufiger von einem frühmittelalter¬ 
lich germanisch besetzten Nordfrankreich schwärmten.’’26 Hitler zum Beispiel war 
begeistert von Franz Petris Germanisches Volkserbe in Wallonien und Nordfrank¬ 
reich, das die These von Steinbach verlängernd eine massive germanische 
Besiedlung bis zur Loire behauptete. Hitler, der Petri in einer Nacht gelesen 
haben wollte, sah sich in der Auffassung bestätigt, dass er in Belgien und Nord¬ 
frankreich altes deutsches Land zurückzuerobern habe.’’2 
Leesch, Deutsche Archivare, 2: 676; Haubrichs, „Krieg der Professoren“, 244-45; cf. 
Bendick, „Wo liegen“, 21. 
523 Hans Witte, „Die deutsch-französische Sprachgrenze in Steinbachs Auffassung“, Peter¬ 
manns Geographische Mitteilungen, 85 (1939), 300-08, hier 306. Ich danke Michael Fahlbusch 
für die freundliche Zusendung und die hilfreiche Kommentierung von Wittes Artikel; cf. 
Fahlbusch, Wissenschaft, 356. 
5-4 Fr. Schilling, „Volkstum“, 129. 
5i5 StdAKn, N1. Mayer 26/20: Mayer an Büttner v. 23.12.1942; cf. H[einrich] Büttner, „Die 
Franken und Frankreich: Neuere Literatur zur Entstehung der Sprachgrenze und der germanischen 
Landnahme“, Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins NF, 51 (1938), 561-86, hier 562. 
526 H. Witte, „Sprachgrenze“, 307-08. 
5-7 Schöttler, „Historische ,Westforschung“1, 216-20; cf. id., „Von der rheinischen Landes¬ 
geschichte“, 100. 
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