Full text: Volk, Reich und Westgrenze

Aussehen „völlig von ihren Nachbarn im Westen, den Franzosen oder Welschen“ 
unterschieden.346 Doch sprach der ehemalige Elsässer Studiendirektor ebenso 
offen von den Unterschieden zwischen dem elsässischen und dem badischen 
Volkstum und wagte sogar elsässische Spottnamen für die nach 1871 einge¬ 
wanderten Deutschen, die „Schwowe“, zum Besten zu geben: Nicht anders als die 
Franzosen nach 1918 seien sie als Hungerleider beschimpft worden.347 
Die psychologische Matrix für Halliers frankophobe Schilderungen französischer 
Angriffe auf das Eisass muss man in seinen Jugenderlebnissen bei der Auswei¬ 
sung seiner Familie aus Thionville 1919 suchen. Er griff auf das in der Westmark 
weit verbreitete Bild einer sengenden französischen Soldateska zurück. „Mord 
und Brand, Plünderungen und grausamste Mißhandlungen“ der französischen 
„Söldnerbanden“ im 15. Jahrhundert geißelte er als gottlos und unmenschlich, der 
ebenso gnadenlose elsässische „Abwehrkampf1 wurde aber nicht moralisiert.348 
Dem oberrheinischen Widerstand gegen die burgundische Herrschaft verlieh 
Halber „alle Züge eines erbitterten Volkskrieges“ und beschrieb ihn ins national¬ 
sozialistische Vokabular greifend „als einen Rassenkampf von Deutsch und 
Welsch“.349 Im Jakobinismus hätten „die Elsässer ganz instinktiv die ihrem Wesen 
drohende welsche Gefahr“ empfunden und ein „untrüglicher völkischer Selbst¬ 
behauptungstrieb“ habe sie „jede nähere Berührung mit den Vertretern des Fran- 
zosentums vermeiden“ lassen. Warum aber orientierte sich dann die elsässische 
Bourgeoisie im 19. Jahrhundert nach Frankreich? Das war die „elsässische Frage“, 
die sich Halber und viele deutsch-völkische Eisassforscher immer wieder stellten. 
Die Frankophilie begründete Halber scharfsinnig in der Diskrepanz zwischen dem 
Angebot des französischen Staates an die elsässische Bourgeoisie zur politischen 
und wirtschaftlichen Partizipation und der politischen Unattraktivität Deutsch¬ 
lands. Er legitimierte ferner die elsässische Auflehnung gegen den deutschen 
Nationalismus im Zweiten Kaiserreich, da dieser Partikularismus nur die gleich¬ 
berechtigte Mitgliedschaft des elsässischen Stammes im Deutschen Reich gefordert 
habe. Zersetzend und volksverräterisch hingegen sei der von der „französischen 
Propaganda und Wühlarbeit“ unterstützte reichsfeindliche Protest der „verwelschten 
Bourgeoisie“ gewesen. Neben etlichen Auslassungen erlaubte sich Halber im 
Dienste der nationalsozialistischen Propaganda einige Unwahrheiten: So behauptete 
346 Fritz Bouchholtz, „Vom Volkstum im Elsaß“, Das Elsaß: Deutsches Kern- und Grenzland, 
Hg. Christian Halber (Frankfurt, M.: Diesterweg, 1941), 115-40, hier 115, cf. 116; Jean 
Christian, „Bouchholtz, Fritz“, Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Fédération des 
Sociétés d'Histoire et d’Archéologie d’Alsace, réd. Christian Baechler [et al.] (Strasbourg: 
FSHAA, 1984), 312. 
34 Bouchholtz, „Vom Volkstum“, 118, cf. 116-17. 
348 Halber, „Elsässisches Volkstum“, 82-83, Zitat 82. 
349 Halber, „Elsässisches Volkstum“, 85; cf. Günther Franz, „Die Bedeutung der Burgunder¬ 
kriege für die Entwicklung des deutschen Nationalgefühls“, Burgund: Das Land zwischen 
Rhein und Rhone, Hg. Franz Kerber, Jahrbuch der Stadt Freiburg im Breisgau, 5 (Straßburg: 
Hünenburg, 1942), 161-73. 
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