Full text: 75 Jahre Saar Ferngas AG (38)

prinzipiell zur Disposition stand, gingen die Bestrebungen des privaten 
Ruhrbergbaus dahin, ihr im Rahmen einer neuen Aufgabenverteilung 
zwischen zentralen und dezentralen Versorgungsebenen die nur noch 
eingeschränkte Aufgabe der Endverteilung zuzubilligen. 
Mit dem Aufkommen der Ferngasversorgung erhielt die Diskussion um 
den Stellenwert der kommunalen Energieversorgung jedoch eine neue 
Dimension. Damit wurde - sieht man einmal von den Zechengasver¬ 
sorgungen benachbarter Ortschaften ab - die seit den Anfängen der 
Gasversorgung bestehende Einheit von Erzeugung und Verteilung des 
Energieträgers Gas aufgehoben. Die Ferngasversorgung reduzierte 
eben die kommunalen Unternehmen auf reine Verteiler und nahm die¬ 
sen insbesondere die Belieferung der Industrie aus der Fland. Ohne den 
Zugriff auf die Erzeugungseinrichtungen hatte aber auch die Verfügung 
über die Verteilungseinrichtungen nur begrenzte Wirkung, hing man 
doch in der Belieferung vollständig von den Vorlieferanten ab. 
Besonders zugespitzt gestaltete sich dieses Ungleichgewicht, wenn sich 
die Kokereianlagen - wie etwa im Fall der AfK beziehungsweise Ruhr¬ 
gas AG - in der Hand eines Unternehmens konzentrierten. Hingegen 
lag die Gasverteilung in den Händen von hunderten von Gemeinden 
und Städten mit unterschiedlichen Interessen. 
Doch an welchen Punkten hätte sich dieses Machtungleichgewicht am 
ehesten bemerkbar gemacht? Konkret befürchtete die lokale Gaswirt¬ 
schaft entgegen den Prophezeiungen der AfK eine Erhöhung der Gas¬ 
preise. Für die Zeit des Vertragsverhältnisses konnten diese zwar fest¬ 
geschrieben werden, doch zweifelten die Kommunalvertreter an der 
Wirksamkeit von Kohlenpreis- und Schiedsgerichtsklauseln im Falle 
unvorhergesehener energiepoüdscher Entwicklungen. Unter solchen 
Voraussetzungen lag die Definitionsmacht dann doch bei den Vorliefe¬ 
ranten. Insbesondere nach Ablauf der Lieferverträge (zum Beispiel nach 
30 Jahren), wenn die Gemeinden nicht mehr über eigene Gaswerke als 
Verhandlungsmasse verfügten, existierten keinerlei Sicherungen, dass 
die Kohlenzechen keine deutlichen Preisaufschläge Vornahmen. Auch 
besaß die Option der Gaswerke, zu diesem Zeitpunkt die örtlichen 
Gaserzeugungseinrichtungen wieder in Betrieb zu nehmen, keinerlei 
Realitätsnähe.41 Unter dem Gesichtspunkt der Haushaltsfinanzierung 
drohte mit der Aufgabe der Eigenerzeugung der teilweise Verlust einer 
Einnahmequelle. Zwar blieb den kommunalen Versorgungsun¬ 
ternehmen auch im Falle eines Ferngasbezuges noch eine Spanne für 
die Preisfestsetzung offen, doch schöpften nun die überregionalen 
41 Vgl. Winterer (1926), S. 1127; Marschak (1927), S. 127; Jakob (1927), S. 255; Mer¬ 
kel (1928), S. 495; Heukeshoven (1928), S. 98 
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