Full text: 75 Jahre Saar Ferngas AG

fragt Umweltgeschichte in einem weitergehenden Verständnis nach der 
gesellschaftlichen Aneignung einer Ressource, nach dem jeweiligen po¬ 
litischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und technikgeschichtlichen Kon¬ 
text, der der Nutzung eines Rohstoffs oder Energieträgers, von Wasser 
oder Boden zugrunde lag. In welcher historischen Form gelang es je¬ 
weils, Energieträgern oder sonstigen Ressourcen in ihrer Doppelrolle 
als Lebensstoff und Wirtschaftsgut gerecht zu werden? Der Gaswirt¬ 
schaft kann hierbei die Aufgabe zukommen, Antworten zu liefern und 
Modell abzugeben für eine Umweltgeschichte, bildet sie doch zugleich 
den Ausgangspunkt der öffentlichen Versorgungswirtschaft, und ist sie 
am stärksten von allen Energieträgern weitreichenden Strukturverände¬ 
rungen unterworfen. 
Die Gaswirtschaft blickt in Deutschland auf eine lange Geschichte zu¬ 
rück. Von der Eröffnung des ersten Gaswerks in Deutschland, 1826 in 
Hannover, bis zur interkontinentalen Versorgung Europas aus Asien 
und Afrika in unseren Tagen erlebte sie in vielfacher Hinsicht einen 
fundamentalen Wandel. Das betrifft nicht nur den Übergang vom Ab¬ 
fallprodukt der Energieträger Kohle und Koks zum Primärenergieträger 
Erdgas, die unzähligen technischen Neuerungen und Verbesserungen, 
die Gas heute zu einem zuverlässigen Brennstoff machen, die Entwick¬ 
lung der Preise, die den Stoff von einem Luxusgut zu einem für die ge¬ 
samte Bevölkerung erschwinglichen Produkt werden ließen, sondern 
auch vor allem die Struktur der Gaswirtschaft. Sieht man von der Ein¬ 
führungsphase im 19. Jahrhundert ab, in der Privatunternehmen die 
Branche beherrschten, lag die Gasversorgung lange Zeit vollständig in 
den Händen von Städten und Gemeinden. Im Jahre 1914, dem zeitli¬ 
chen Höhepunkt der kommunalen Gaswirtschaft, verfügten nicht we¬ 
niger als 1.400 Ortschaften in Deutschland über eine Gasversorgung, 
davon bis auf wenige Ausnahmen mit Eigenerzeugung; Ausdruck der 
Überzeugung, den Naturstoff Gas als Teil der kommunalen Daseins¬ 
vorsorge nicht der privatwirtschaftlichen Gewinnerzielung anheim zu 
stellen. Seit dieser Zeit haben technische, wirtschaftliche und politische 
Faktoren zu einer grundlegenden Umstrukturierung der Branche ge¬ 
führt, mit dem Ergebnis, dass der kommunale beziehungsweise öffent¬ 
liche Einfluss in der Gasversorgung heute eher eine marginale Bedeu¬ 
tung besitzt und weiter im Schwinden begriffen ist. 
Die Branche befindet sich heute überwiegend in den Händen einiger 
Privatunternehmen oder mehrheitlich privatwirtschaftlich dominierter 
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