Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Aktivitäten der Gemeinden zu Ansiedlung neuer Unternehmen bzw. zur Entwicklung 
der lokalen und regionalen Wirtschaftsstruktur nicht intensiv genug vorgenommen 
würden1“’ und daß Großprojekte wie z.B. im Bereich der Weiterentwicklung der 
Siedlungsstruktur im Saarland nur vereinzelt und für die Stadtregion Saarbrücken gar 
nicht durchgeführt würden.123 124 
Einen völlig anderen Ansatz wählte dagegen das von Josef Heinz Müller im Auftrag 
der Hohen Behörde der Montanunion vorgelegte Gutachten, das die „ausschlag¬ 
gebenden und spezifischen“ Probleme der Wirtschaftsstruktur des Saarlandes analy¬ 
sieren wollte.122 Der Freiburger Universitätsprofessor nahm zu diesem Zweck zu¬ 
nächst eine detaillierte Untersuchung der einzelnen Wirtschaftssektoren im Saarland 
vor - und zwar vor dem Hintergrund eines Vergleichs mit der jeweiligen Situation im 
Bundesschnitt - und entwickelte daraus eine Prognose der Beschäftigungsentwick¬ 
lung bis 1980. In diesem Teil seines Gutachtens kam Müller zu einer geradezu 
katastrophalen Bewertung der Zukunftsaussichten des saarländischen Montankerns, 
Sowohl dem Steinkohlenbergbau als auch weiten Teilen der Eisen- und Stahlindustrie 
maß der Gutachter eine sehr ungünstige Zukunft bei; nicht nur der immer noch 
vorhandene Investitions- und Produktivitätsrückstand, sondern auch die Benach¬ 
teiligung aus der verkehrsmäßig ungünstigen Standortsituation würden auf Dauer 
keinen wirtschaftlich sinnvollen Betrieb der Unternehmen gestatten; allenfalls durch 
umfangreiche Subventionen im Bereich der Frachtkosten sei der Erhalt gewisser 
Teile dieses Wirtschaftssektors denkbar.126 
Auch seine Analyse der regionalen Verflechtung der Wirtschaftssektoren im Saarland 
bestätigten den Gutachter in seiner Einschätzung. Das Hauptproblem der saarlän¬ 
dischen Wirtschaftsstruktur bestand nach seiner Darstellung darin, daß die Ver¬ 
flechtung der Unternehmen im Montankern im Vergleich zu anderen Revieren viel zu 
schwach ausgeprägt sei, um ein Überleben aus eigener Kraft auf Dauer zu gewähr¬ 
leisten. Bereits die aus dem Bergbau erhofften positiven Impulse für die Eisen- und 
Stahlindustrie seien aufgrund dessen ungünstiger Kosten- und Produktstruktur viel zu 
gering. Zwar sei die Verflechtung dieses Sektors mit der weiterverarbeitenden Indu¬ 
strie etwas besser, aber im Bundesvergleich immer noch zu gering, und vor allem 
bewirke der Nicht-Montanbereich nur wenig günstige Impulse auf den Mon- 
Bedürfnissen aus der Wirtschaft vorausgehen, deren Umsetzung durch ein abgestuftes System ineinander- 
greifender Maßnahmen unter Einbeziehung auch der Wirtschaftsverbände oder der gw-Saar sichergesteift 
werden sollte. 
123 „Die Aktivität bei der Industrialisierungspolitik ist bei den meisten Gemeinden gering. Nur in Ein¬ 
zelfällen werden Suchanzeigen von Industriefirmen bearbeitet. Man überläßt die Entwicklung weitgehend 
dem Zufall. Die Aktivität liegt bei den ansiedlungswilligen Firmen.“, ebd., S. 200. 
124 Ebd., S. 130ff. und 207fT. 
125 Josef Heinz Müller, Probleme der Wirtschaftsstruktur des Saarlandes, Freiburg 1966, hier: S. 5. Josef 
Heinz Müller, Methoden zur regionalen Analyse und Prognose, 2. Aufl. Hannover 1976. Vgl. zum Autor: 
Joachim Klaus u.a. (Hgg.), Wirtschaftliche Strukturprobleme und soziale Fragen. Analyse und Ge¬ 
staltungsaufgaben. J. Heinz Müller zum 70. Geburtstag, Berlin 1988. 
126 Ebd., S. 98ff. 
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