Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Politik trat erst mit dem Gutachten des Sachverständigenausschusses für Raum¬ 
ordnung* 141 und dann vor allem mit der schrittweisen Ausarbeitung geeigneter recht¬ 
licher Instrumente zur Erfüllung des im Grundgesetz dem Bund vorbehaltenen 
Aufgabengebietes von Raumordnung und Landesplanung Anfang der 60er Jahre 
ein.142 Erst dieser Wandel markiert einen Übergang von der punktuellen Notstands¬ 
beseitigung hin zur längerfristigen Regionalentwicklung,143 in dessen Zusammenhang 
dann auch Industriegebiete verstärkt Gegenstand von Entwicklungspolitik wurden.144 
Die Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik fiel damit in einen Zeitraum, 
in dem auch die zeitgenössische Forschung und Gesetzgebung der Bundesrepublik 
einer grundlegenden Neuorientierung unterzogen wurde. Die Anforderungen des 
regionalen Strukturwandels verkomplizierten dabei die Situation zusätzlich. Be¬ 
sonders deutlich wird dies an der Geschichte des wohl bekanntesten Planungsprojekts 
der Nachkriegszeit, der Wohnstadt Überherrn.145 Ursprünglich dazu gedacht, den 
erwarteten Zuzug von bis zu 20.000 Arbeitnehmern durch die Verlagerung des 
Bergbaus in den Warndt aufzunehmen, 1957 dann erweitert in Hinblick auf die 
Unterbringung der im Rahmen der Eingliederung erwarteten Zuwanderung von 
Flüchtlingen und Vertriebenen,146 geriet das Projekt durch die massiven Stellenstrei¬ 
chungen und Reorganisationsbestrebungen der Saarbergwerke sehr bald in die Krise 
und erforderte umfangreiche finanzielle Eingriffe der Landesregierung.147 Trotzdem 
Interministeriellen Ausschusses, Düsseldorf 1963, bes. S. I. Zu den konzeptionellen Grundlagen der 
Raumordnungspolitik: Arthur Benz, Föderalismus, S. 1401T. 
141 Sachverständigenausschuß für Raumordnung, Die Raumordnung in der Bundesrepublik Deutschland, 
Stuttgart 1961. 
142 Im Gegensatz zur hier formulierten Position ordnet Michael Ruck, Ein kurzer Sommer der konkreten 
Utopie - Zur westdeutschen Planungsgeschichte der langen 60er Jahre, in: Schildt, Siegfried u. Lammers 
(Hgg.), Dynamische Zeiten, S. 362-401, hier: S. 365ff'., die frühen 60er Jahre noch in die Phase der 
„Tabuisierung“ der Planung. Möglicherweise ist aus der Perspektive des öffentlich-politischen Diskurses 
der Ruck‘schen These zuzustimmen; gleichermaßen wichtig ist es jedoch aufzuzeigen, daß die Erfolge 
von Planungsansätzen ab Mitte der 60er Jahre auf eine längere Vorgeschichte zurückgehen. Einen 
Überblick über die Entstehung von Konzepten und Instrumenten der Raumordnung und der Landes¬ 
planung im Bereich der ländlichen Räume gibt Gerhard Henkel, Der ländliche Raum. Gegenwart und 
Wandlungsprozesse in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993, bes. S. 195-213. 
143 Gerold Ambrosius, Staat und Wirtschaft im 20. Jahrhundert, München 1990 (= Enzyklopädie Deutscher 
Geschichte 7), S. 54. 
144 In Nordrhein-Westfalen hatte dieser Prozeß bereits 1960 - mithin recht früh - mit dem Strukturpro¬ 
gramm Nordrhein-Westfalen eingesetzt, Petzina, Industrieregion, S. 118. Zumindest in Hessen wurden mit 
dem sog. Hessenplan ähnliche Ansätze auch recht früh verfolgt, vgl. Jochen Schulz zur Wiesch, Ent¬ 
stehungsbedingungen und Motive der hessischen Planungspolitik, in: Schissler (Hg.), Hessen, S. 269-308. 
145 Vgl. hierzu umfassend: Alois Weyrath u. Peter Moll, Die neue Stadt Überherm, in: Mitteldeutscher 
Kulturrat (Hg.): Zwischen Rostock und Saarbrücken. Städtebau und Raumordnung in beiden deutschen 
Staaten, Düsseldorf 1973, S. 191-202. 
i4<’ Vgl. die Antwort der Regierung auf eine Anfrage zum Wohnstadt-Projekt in: LTDS, 4. WP, Abt. I, 26. 
Sitzung v. 11.7.62, S. 988ff, 
147 Bereits im Sommer 1960 sprang die Regierung bei der Finanzierung der Planungskosten ein, nachdem 
die Saarbergwerke ihren Rückzug aus dem Projekt angekündigt hatten; LASB StK 1724, Kabinetts¬ 
protokoll v. 30,8.60. In der Folgezeit übernahm das Land mehrfach Bürgschaften und Kreditleistungen in 
Millionenhöhe, um die Finanzierung sicherzustellen, LASB StK 1732, Kabinettsprotokoll v. 12.11.63,
	        
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