Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Die DPS schien sich mit der Stabilisierung ihrer Stimmenanteile auf hohem Niveau 
sowie der annähernden Verfünffachung der Zahl der von ihr errungenen Gemeinde¬ 
ratsmandate als zweitstärkste politische Kraft im Saarland etabliert zu haben. Zu¬ 
mindest erlaubte diese Stärkung der Partei, auf Landesebene in direkte Konkurrenz zu 
den „großen“ Parteien CDU und SPD zu treten, verfügte man mit der relativen 
Mehrheit in der Hauptstadt Saarbrücken doch zusätzlich noch über ein symbolisch 
wie machtpolitisch bedeutsames Instrument.81 Andererseits hatten im Unterschied zu 
den früheren und den folgenden Kommunalwahlen im Jahr 1956 Freie Listen nur eine 
sehr geringe Bedeutung. Falls also wenigstens ein Teil der Zugewinne der DPS durch 
den Verlust von ca. 400 Gemeinderatsmandaten bei den Freien Listen zu erklären ist, 
so war davon auszugehen, daß die DPS in Zukunft erhebliche Zugewinne in der 
Wählerschaft der anderen Parteien benötigen würde, um ein Wiederauftreten der 
Freien Listen auszugleichen. Dies erschwerte eine politische Strategie nach dem 
Prinzip der „Partei zweiter Wahl“82 in hohem Maße. 
Obwohl die Heimatbundparteien nach außen hin vor der Landtagswahl 1955 keinen 
Zweifel an ihrem Wunsch gelassen hatten, eine gemeinsame Regierung zu bilden, 
barg die Zusammenstellung der Kabinetts liste im Dezember 1955 erhebliches Kon¬ 
fliktpotential.83 Schon der designierte Ministerpräsident Hubert Ney war innerhalb 
seiner Partei nicht unumstritten, und außerdem wurde aufgrund seines Lebensalters84 
bereits bei seiner Wahl unverhohlen die Frage nach seiner Nachfolge diskutiert. Als 
einziger der möglichen Nachfolger schaffte Egon Reinert den Sprung in das erste 
Heimatbundkabinett, und dies sogar in das nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern 
auch wegen seiner Bedeutung für die politische Neuorientierung des Saarlandes 
besonders wichtige Doppelamt des Kultus- und Justizministers. Unter diesen perso¬ 
nalpolitischen Voraussetzungen gestaltete sich die Erarbeitung eines stringenten 
Regierungsstils problematisch. Unter vielfältigem außen- und innenpolitischem 
Druck sowie innerparteilichen Belastungen stehend, wählte Hubert Ney in seiner 
M Als direkte Folge dieses Wahlergebnisses wurde Fritz Schuster zum Oberbürgermeister der Stadt 
Saarbrücken gewählt, der die Politik der Stadt bis in die 70er Jahre hinein bestimmte. Vgl. Hans-Christian 
Herrmann, Landeshauptstadt, S. 356ff. 
82 Jürgen Dittberner, FPD - Partei zweiter Wahl. Ein Beitrag zur Geschichte der liberalen Partei und ihrer 
Funktion im Parteiensystem der BRD, Opladen 1987. 
83 Die Rivalitäten zwischen den Heimatbundparteien schlugen sich in sachlichen Auseinandersetzungen, 
aber auch in einer Reihe von persönlichen Animositäten nieder, Bauer, CDU, S. 68tT. Im Juni 1957 
bezeichnete Emil Weiten (CVP) die Situation Hubert Neys als „mit einer Mauer aus Mißtrauen und Haß 
umgeben“, LTDS, 3. WP, Abt. !, 37. Sitzung v. 12.6.57, S. 1049. 
84 Ney wurde am 12.10.1892 geboren - zur Biographie siehe: Robert H. Schmidt, Saarpolitik, Bd. 1, 
S. 283 - und war damit praktisch genauso alt wie die führenden Vertreter von CVP und SPS, Johannes 
Hoffinann und Richard Kirn. Demgegenüber waren die meisten der Politiker, die ab 1956 recht rasch die 
Spitzenfunktionen im Saarland einnahmen, deutlich jünger, nämlich um 1910 geboren, wie z.B. Franz 
Josef Röder, Egon Reinert, Heinrich Schneider, Kurt Conrad, aber auch Erwin Müller und Ludw ig Schnur. 
Wie das Beispiel Edgar Hector zeigt, konnten jedoch nicht alle Spitzenpolitiker aus der Hoffmann-Zeit 
ihre Karriere später fortsetzen, vielmehr zeigte der Abstimmungskampf auch Züge eines Verdrängungs- 
Wettbewerbs jüngerer Nachwuchskräfte gegenüber den in der unmittelbaren Nachkriegszeit (teilweise 
re-)aktivierten Führungskräften. 
135
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.