Full text: Obrigkeit und Untertanen

2. Die Bedeutung der frühen Französischen Revolution am Beispiel des Land¬ 
kassenstreits 
Wir erinnern uns, daß die Landkasse bei allen unseren Konfliktfällen der zweiten 
Jahrhunderthälfte bereits eine nicht unwesentliche Rolle spielte: Während sich die 
Völklinger Gemeinden im Jahre 1766 anläßlich ihrer Mandatsklage am Reichs¬ 
kammergericht gegen Fürst Wilhelm Heinrich lediglich über die Höhe der ausge¬ 
schriebenen Landgelder beschwerten1, führten die Köllertaler Gemeinden rund zehn 
Jahre später bei ihrem Austrägal- und Reichskammergerichtsprozeß gegen Fürst 
Ludwig bereits einen prinzipiellen Protest gegen die Art und Weise der unter herr¬ 
schaftlicher Aufsicht stehenden Landgelderausschreibung und stellten quasi-ständi¬ 
sche Partizipationsansprüche im Schutze der Reichsverfassung2 3; die beiden Städte 
Saarbrücken und St. Johann wiederum forderten etwa zur gleichen Zeit anläßlich der 
Beschwerdewelle von 1776/77 lediglich eine Minderung der Landkassengelder, was 
damit zusammenhing, daß die Stadtgerichte ohnehin ein auf den städtischen Frei¬ 
heitsbrief von 1322 zurückgehendes Mitspracherecht bei der Landgeldererhebung 
besaßen'. Die Städte hatten also auch in diesem Fall ein viel weitergehendes Recht 
als die Landgemeinden - ein Recht, um das die Landgemeinden erst kämpfen 
mußten4. Es war wohl dieser rechtliche 'Vorsprung' der Städte, der sie geradezu in 
die Initiativrolle drängte, als im Sommer 1789 unter dem Eindruck der großen 
Revolution im Nachbarland allenthalben die Beschwerden über die Landgelder und 
die Landkassenverwaltung seit der Regierungszeit Fürst Ludwigs laut wurden5. Die 
von Anfang führende Stellung der beiden Saarstädte beim Landkassentreit ist ein 
wichtiges Faktum, sie konstituiert den gesamten Protest ganz wesentlich6. Worum 
ging es im einzelnen? 
1 Vgl. oben Kap.II.2c). 
2 Vgl.oben Kap.II.3 c), d) und e). 
3 Vgl. dazu oben Kap.II.4a) u.c); das städtische Mitspracherecht bei der unter herrschaftlicher Aufsicht 
stehenden Landgeldererhebung bezog sich laut dem Freiheitsbrief auf die Stadtgerichte und auf eine 
zu wählende Bürgerschaftsvertretung; infolge der völligen Integration des bürgerlichen Zugeberamtes 
in die stadtgerichtliche Behörde bezog sich die Finanzkontrolle im 18.Jahrhundert nur noch auf die 
Stadtgerichte. 
4 Auch dies belegt den doch erheblichen Stadt-Land-Unterschied, der in der landesgeschichtlichen 
Forschung oftmals unterschätzt wird. 
5 Vgl. zur allgem. Beschwerdewelle von 1789/90 Fehrenbach, Unruhen, S.28ff.; Ries, Die Reaktion, 
S.68ff. 
6 Die Führungsrolle der Städte deckt sich nicht mit der gängigen Forschungsmeinung, wonach die 
Köllertaler Gemeinden in Weiterführung ihres Prozesses die Initialzündung setzten, denen sich dann 
die Städte anschlossen (vgl. Fehrenbach, Unruhen, S.40ff); auch Rolle berichtet auf diese Art in 
seiner "Sammlung der wohltätigen Handlungen" der Fürsten über den Landkassenstreit (vgl. Rolle, 
Sammlung: LA SB Dep. H.V. Abt. A 592, S.83ff.), Ein genaues Aktenstudium der einschlägigen 
Quellen zum Landkassenstreit belegt allerdings eindeutig die von Anfang an führende Stellung der 
beiden Städte Saarbrücken und St.Johann (vgl. LA SB 22/3038, passim u. ebd. 4719, passim). 
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