Full text: Obrigkeit und Untertanen

saarbrückischen Landuntertanen. Aber auch diese relativ gute soziale Lage hatte ihre 
Kehrseite: Der Fürst sah in den Köllertalem zugleich auch seine besten Steuerzahler; 
keine einzige Meierei in der Grafschaft Saarbrücken zahlte soviele Landgelder wie 
die Köllertaler: Um 1770 mußten die Köllertaler jährlich 137,5 Gulden in die Land¬ 
kasse entrichten, gefolgt vom Völklinger Hof mit einer Abgabe von 71 Gulden und 
der Meierei Güdingen mit 51 Gulden20. Zugleich fühlten sich die Köllertaler von 
allen neuen, seit der Jahrhundertmitte eingefuhrten Geldabgaben wie der allgemei¬ 
nen, direkten Steuer und der Dienstgelder besonders stark belastet; auch glaubten sie, 
daß sie allein zu Gesindezwangdiensten auf den wenigen noch verbliebenen herr¬ 
schaftlichen Höfen wie dem Eschberger oder Rastpfuhler Hof herangezogen 
würden21. Diese Diskrepanz zwischen objektiver Lage und subjektiver Behandlung 
durch den Fürsten trug nicht unwesentlich zur besonderen Konfliktanfälligkeit der 
Köllertaler Meierei im 18. Jahrhundert bei. Hier schien sich ein generelles Phänomen 
Bahn zu brechen, das bis ins 19. Jahr hundert nachwirkte: Die Untertanen des Ober¬ 
amts St.Johann inklusive der Stadt fühlten sich stets übervorteilt gegenüber den 
Untertanen des Oberamts Saarbrücken, was zum Teil auch berechtigt war. Dies 
könnte einmal mit der Residenzfunktion Saarbrückens Zusammenhängen, die es mit 
sich brachte, daß die Untertanen dieses Oberamts generell besser behandelt wurden 
als die St.Johanns22. Zum andern war eine Mehrbelastung gerade was die Gesinde¬ 
zwangdienste betraf, allein schon durch die weitere Entfernung gegeben, die die 
Untertanen aus dem Oberamt St.Johann wie z.B. die Köllertaler oder Völklinger 
Bauern zu den herrschaftlichen Temporalbestandshöfen in Saarbrücken zurück¬ 
zulegen hatten. Die Unzufriedenheit der Untertanen des Oberamts St.Johann war mit 
dafür verantwortlich, daß allein in diesem Gebiet seit der Mitte des 18.Jahrhunderts 
vermehrt Proteste auftraten; und es dürfte wohl auch kein Zufall sein, daß sich die 
'frühliberale Bewegung' im Vormärz (sofern man überhaupt einen so weitgehenden 
Begriff auf die preußischen Saarkreise anwenden kann) und die damit einhergehen¬ 
den sozialen und politischen Proteste fast ausschließlich auf die Stadt St.Johann und 
den Landstrich des ehemaligen Oberamts konzentrierten23. In jedem Fall müssen wir 
diesen Aspekt der ’Sonderbehandlung' des Köllertals infolge seiner verwaltungs¬ 
mäßigen Zugehörigkeit zum Oberamt St.Johann neben der relativ homogenen 
Geschlossenheit als 'Landschaft' mitbedenken, wenn wir uns im folgenden der 
'Konfliktträchtigkeit' der Köllertaler Meierei zuwenden. 
20 Vgl. die Tabelle über die Landgeidererhebung im Fürstentum aus dem Jahre 1769 bei Karbach, 
Bauernwirtschaften, S.172. 
21 Vgl. dazu unten im Text den Prozeß der Köllertaler Gemeinden gegen Fürst Ludwig. 
22 Vgl. dazu auch Jung, Ackerbau, S.144ff. 
23 Vgl. dazu die Arbeiten von H.Klein, Saarlande, S.93-104; ders., Veteran, S.34-36; ders., Geschichte 
des Landkreises, S.37-60; ders., Hesse, S.163-168; ders., Lokalpolitisches, S.83-123; kritisch dazu 
Ries, Die preußischen Saarkreise, S.61-89. 
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