Full text: Obrigkeit und Untertanen

leitete Verstaatlichung des saarländischen Steinkohlebergbaus war eine 
Modemisierungsmaßnahme ersten Ranges, sie schuf die Grundlage für die politische, 
wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Saarlandes im 19. und 20.Jahrhundert8'. 
Zunächst war mit der Verordnung nur das Abbaurecht auf eine neue Grundlage 
gestellt. Die Betriebsweise wandelte sich erst in den folgenden zwanzig Jahren von 
einer genossenschaftlichen Unternehmungsform über die Verpachtung der Gruben 
bis hin zur unmittelbaren landesherrlichen Regie83 84. Die Verstaatlichung des Bergbaus 
ermöglichte technische Verbesserungen, wie vor allem den Stollenbau, und brachte 
so die gewünschten Erfolge, die sich in einer erheblichen Steigerung der Fördermen¬ 
gen niederschlugen; ein Zahlenbeispiel aus der Anfangs- und Endzeit der Regierung 
Fürst Wilhelm Heinrichs mag dies belegen: 1749 hatten die geforderten 2349 Fuder 
Kohle eine Summe von 996 Gulden eingetragen, während 1768 die Fördermenge 
von 12728 Fuder einen Erlös von 22151 Gulden einbrachte85. Das entsprach immer¬ 
hin einem Anteil von etwa 8% des Gesamthaushaltes86. Der systematische und 
koordinierte Kohleabbau in staatlicher Regie machte schließlich eine Bürokratisie¬ 
rung des Bergbaus erforderlich und führte zur Entstehung eines neuen Berufsstandes: 
der lohnabhängigen Bergarbeiter, die aus ihrer bäuerlichen Lebensweise 
herauswuchsen und sich in der 1769 gegründeten quasiständischen Einrichtung der 
Bruderbüchse, einer Vorläuferbehörde der Knappschaftskasse, zu organsieren began¬ 
nen87. Man spürt es auf allen Ebenen: Im Steinkohlebergbau wurden unter Fürst 
Wilhelm Heinrich die Weichen für die Zukunft gestellt. 
Eine andere Entwicklung nahm die Eisenindustrie88. Hier kam es nicht zur Ver¬ 
staatlichung, sondern zur Verpachtung an Private, wodurch wiederum der Grundstein 
für die Entwicklung im 19.Jahrhundert, d.h. für die Privatisierung des Hüttenwesens 
gelegt wurde. Aber auch die Eisenindustrie erfuhr die ungeteilte Aufmerksamkeit des 
Fürsten, auf dessen alleinige Initiative die Förderung der Eisenwerke zurückgmg. 
Während auch auf diesem Gebiet die vormundschaftliche Regierungszeit als "die 
erste Aufbauperiode" gilt, spricht man von der Regierung Fürst Wilhelm Heinrichs 
als der eigentlichen 'Gründerzeit', "einerseits charakterisiert durch eine Reihe von 
Neugründungen, andererseits durch den Ausbau bereits bestehender Werke"89. Hier 
wuchs bereits, bedingt durch die Standortgebundenheit des Eisenerzvorkommens, in 
83 Vgl. dazu Herrmann, Wilhelm Heinrich, S.42; Mallmann, Die heilige Borussia, S.16; Schmitt, 
Agrarische Krise, S.21-23. 
84 Vgl. Collet, Wirtschaftsleben, S.44f. 
85 Vgl. Herrmann, Wilhelm Heinrich, S.42. 
86 Vgl. dazu Jung, Wirtschaftspolitik, S.85. 
87 Vgl. Jung, Wirtschaftspolitik, S.92-95; Collet, Wirtschaftsleben, S.48f.; Schmitt, Saarregion, S.27; 
ders., Agrarische Krise, S.22. 
88 Vgl. dazu Jung, Wirtschaftspolitik, S.95-108; Haßlacher, Eisenhüttenwesen; Collet, Wirtschaftsleben, 
S.53-64; Gayot/Herly, Métallurgie; Herrmann, Wilhelm Heinrich, S.43-45. 
89 Collet, Wirtschaftsleben, S.56f. 
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