Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Zunächst einmal lag es in der Natur des wirtschaftlichen Anschlusses des Saarlandes an 
Frankreich, daß eine Annäherung auch im sozialpolitischen Bereich stattfinden mußte. 
Aber Annäherung worin, Annäherung der Sozialversicherungssysteme oder vorrangig 
nur der Sozialversicherungsbeiträge? 
Von französischer Seite wurde gegenüber den Saarländern der Plan zur Sozialen 
Sicherheit im Saarland als "ein Bindeglied zugunsten des wirtschaftlichen Anschlusses 
der Saar an Frankreich" definiert, und auch im Plan von Robert Paris war auf notwen¬ 
dige Anpassungen vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Anschlusses des Saar¬ 
landes hingewiesen worden.178 Diese Konstruktion deutet an, daß eine Sozialversiche¬ 
rungsreform mit spürbaren Leistungsverlusten vermieden werden sollte. Sie wäre 
politisch ausgesprochen unklug gewesen, denn die Bevölkerung hätte mit dem wirt¬ 
schaftlichem Anschluß sozialpolitische Verluste assoziiert. Genau dies sollte vermieden 
werden. Die Sozialversicherungsreform im Saarland sollte nicht zu Leistungseinbußen 
führen, das verstand Robert Paris unter "Synthese der Vorteile des deutschen und 
französischen Sozialversicherungssystems". Insbesondere die Mehrheit der Bevölke¬ 
rung, nämlich Industriearbeiter und Bergleute sollten durch die Reform gewonnen 
werden, wie die Rede Grandvals anläßlich der ersten Sitzung des Technischen Aus¬ 
schusses der LVA beweistf’Die Idee (...) dieses Planes (...) war die Schaffung einer 
neuen Sozialordnung im Saarland, wo die Arbeiter einen solch hervorragenden Platz 
einnehmen, dieser Plan von erster Bedeutung ist".179 
Ein zentrales Motiv der Franzosen anläßlich der Sozialversicherungsreform bestand 
darin, die Saarländer von der deutschen Sozialversicherung und der deutschen Sozial¬ 
politik in einem gleitenden Prozeß abzukoppeln, d.h. langsam zu erreichen, daß die 
Saarländer sozialpolitisch nicht nach Deutschland, sondern nach Frankreich schau¬ 
ten:"(...) regarder plus vers la France et moins vers l'Allemagne".180 Dieser Strategie 
entsprechend beurteilte Jacques Ledere, der im Auftrag des französischen Arbeits¬ 
ministeriums die saarländische Sozialversicherungsreform untersuchte, die im Bereich 
der Saarknappschaft eingeschlagene Rentenpolitik negativ, da sie im Unterschied zu 
Frankreich für Kleinrentner besonders ungünstig sei.181 Für 1948 sei es deshalb not- 
8 Ebd., MifAS, Bii.26, Bericht über die Sitzung der Kommission über Soz. Sicherheit vom 7.1.47. 
179 
LVA-Archiv Saarbrücken, Niederschrift zur Sitzg. des TA der LVA vom 5.7.47. 
180 MAE Nantes, M.J./Q.E., E VI 4/ E VI 5, Annexe III, Rég. Spéc. aux Travailleurs des Mines, Saarknap¬ 
pschaft. "Zum Vorentwurf eines Berichtes über die Einführung der Sécurité Sociale im Saarland, verfaßt 
von Jacques A. Ledere 1947. Siehe auch Mission Juridique, Questions Sociales (M.J./Q.S.), J II 2, 
Militärreg., Miss. Juridique, JUR/EL6/Cab. à l'attention de M. le Conseiller Juridique vom 23.12.47, verfaßt 
von Jacques A. Ledere. 
181 T-. 
Ebd., Vorentwurf Leclerc "Les leaders politiques sarrois conduits à une impasse par leur imprudence 
s'attachèrent à la solution d'un relèvement proportionnel tout en reconnaissant le caractère antisocial d'une 
telle mesure qui favorise bénéficiaires de rentes élevées et améliore peu la solution difficile des titulaires de 
faibles rentes". 
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