Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Beim Krankengeld wurde den ehemaligen Mitgliedern von Sonderkassen ein gegen¬ 
über den bisherigen Verhältnissen mittleres Leistungsniveau geboten. Wie bei der 
Mehrheit der Betriebskrankenkassen betrug es jetzt 60 Prozent des Grundlohnes. Nur 
die Barmer Ersatzkasse und die Ortskrankenkassen Homburg und St.Wendel hatten 
ihren Versicherten wegen ihrer vorteilhafteren Mitgliederstruktur 75 Prozent des 
Grundlohnes gewährt. Die Erhöhung des Taschengeldes auf 15 Prozent war für alle 
Versicherten eine Verbesserung. Einen spürbaren Leistungszuwachs bedeutete die 
Erhöhung des Sterbegeldes. Es betrug nicht mehr das Zwanzigfache, sondern das 
Vierzigfache des Grundlohnes. Dieses Niveau hatten bisher nur 7 Orts- und 9 Betriebs¬ 
krankenkassen geboten. Als Kann-Leistung sah die Verordnung im Rahmen der 
Fürsorge für Genesende die Unterbringung in einem Heim bis zu 6 Wochen vor und 
vorbeugende Kuren sowie orthopädische Behandlungen zur Prävention von Erkran¬ 
kungen. Den Verantwortlichen fiel die Gestaltung dieser Kann-Leistung sehr leicht, 
weil sie wußten, daß sie ein Papiertiger war, der in der Praxis nicht kostentreibend 
wirken konnte, da entsprechende Anstalten und Heime noch gar nicht existierten.175 
Die Leistungsverbesserung und Vereinheitlichung der Sozialversicherung auf einem 
relativ hohen Leistungsniveau war nicht zuletzt auch durch die günstige wirtschaftliche 
Entwicklung im Saarland möglich geworden, die sich von anderen Teilen des ehemali¬ 
gen Deutschen Reiches durch einen früher einsetzenden Aufschwung unterschied. 
Armin Heinen verwendet in diesem Zusammenhang die Formel vom frühen Wirt¬ 
schaftswunder. So war im Sommer 1947 die wirtschaftliche Lage im Saarland deutlich 
günstiger als im übrigen Deutschland. Die Kohlenförderung betrug im Oktober 1947 
bereits 80 Prozent des Produktionsniveaus von 1938, im Ruhrrevier hatte sie erst 55 
Prozent erreicht. In der Eisen- und Stahlindustrie deutete sich eine ähnliche Entwick¬ 
lung an. So spricht Heinen auch vom Saarland als einer "deutschen Musterprovinz’'. 
Neidisch wurden die Saarländer von manchen Deutschen als 'Speckfranzosen' ver¬ 
spottet. Nicht zuletzt wegen der besseren wirtschaftlichen Lage, die sich auch in ersten 
demoskopischen Untersuchungen widerspiegelte, demonstrierten z.B. große Teile der 
Saarburger und Konzer gegen ihre Ausgliederung aus dem Saarland bzw. gegen die 
Rückgliederung an Rheinland-Pfalz.176 Der für die Sozialversicherung wichtige Be¬ 
schäftigungsstand im Saarland war wesentlich höher als in anderen Gebieten wie z.B. 
in Sachsen oder in der Pfalz177. Früher als in anderen Gebieten des ehemaligen deut¬ 
schen Reiches stand damit im Saarland ein sozialpolitischer Verteilungsspielraum zur 
Verfügung. 
Ebd., Anlage 1: Erläuterungen zur Niederschrift über die Besprechung am 26.6.47 betreffend die 
Verordnung Nr.3 über Mehrleistungen in der Krankenversicherung. 
Armin Heinen, Vom frühen Scheitern der französischen Saarpolitik. Politik und Ökonomie 1945- 
1950, in: Von der Stunde ö zum Tag 'X. Das Saarland 1945-1959. Katalog zur Ausstellung des 
Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloß, Saarbrücken 1990, hrsg. vom Stadtverband 
Saarbrücken, Merzig 1990, S.156-159. 
LA SB, VWK, Nr.158, "Die Lage auf dem Arbeitsmarkt richtig gesehen". Von 1000 Männern übten im 
September 1946 481 eine Berufstätigkeit aus, in der Pfalz waren es 357 und in Sachsen 323. 
63
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.