Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Auseinandersetzung zwischen saarländischen Gewerkschaften und französischer Régie 
hinsichtlich der Gedingekontrolle, der Personalpolitik und der Lohnangleichung an 
Lothringen waren wie die Tarifvertragsfrage zunächst einmal Auseinandersetzungen 
zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite. Die Ursachen dieser Konflikte lagen 
aber tiefer. Letztlich waren es unterschiedliche Mentalitäten und Traditionen bzw. eine 
unterschiedliche Sozialstruktur. Hier seien beispielsweise Unterschiede in der Aus¬ 
übung unternehmerischer Herrschaft in Deutschland und Frankreich genannt oder 
Gegensätze im Tarifvertragssystem beider Länder. Soziale Konflikte, eigentlich be¬ 
dingt durch soziostrukturelle Divergenzen, wurden dazu massiv national überformt, da 
saarländische Gewerkschaftler französischen Verhandlungspartnern gegenüber standen. 
1. Verpachtungskontroverse als erster großer Politisierungsschub 
Die Verpachtung der Saargruben wirkte als erster großer nationaler Emotion alisie- 
rungsschub in den Gewerkschaften. Noch bevor der Öffentlichkeit offiziell die Ver¬ 
pachtung der Saar gruben an Frankreich bekannt wurde, und dies erstmals am 25. Mai 
1949 in der Presse angedeutet wurde2 3, stellte Karl Hillenbrand am 1. Mai 1949 im 
Saarbrücker Johannishof auf einer Versammlung der christlichen Gewerkschaften die 
Frage des Besitzes der Gruben in den Mittelpunkt seiner Rede/ Die mögliche Ver¬ 
pachtung stilisierte er zur Glaubensfrage. Der Besitz der Saargruben sei ein "heiliges 
Recht" - eine propagandistisch auf die Sozialstruktur des Saarlandes abgestimmte, 
geschickte Sakralisierung der politischen Terminologie, die den Anspruch des Saar¬ 
landes auf die Gruben als rechtmäßig herausstellen wollte. 
Aloys Schmitt war es mit seiner Parole "Die Saargruben dem Saarvolk" bereits auf der 
ersten Generalversammlung des I.V. Bergbau am 22. und 23. April 1948 gelungen, die 
Grubenfrage auf eine einprägsame Formel zu verkürzen.4 Die Verpachtungsfrage löste 
so einen ersten Nationalisierungs- und Politisierungsschub aus.5 Während in weiten 
Teilen der Arbeiterschaft nach 1945 eher politische Agonie und die Bewältigung der 
Alltagsprobleme dominierten, führte das Thema Verpachtung der Saargruben zu reich 
besuchten Versammlungen des I.V. Bergbau. Schmitt stilisierte die Verpachtungsfrage 
zum Poliükum hoch, indem er, damals Erster Vorsitzender des I.V. Bergbau, die 
Verpachtung als unvereinbar mit einem autonomen Saarstaat bezeichnete.6 Damit war 
das Tor zur Opposition der Gewerkschaften aufgestoßen. 
2 Robert H. S c h m i d t, Saarpolitik 1945-1957, Bd. 2, Berlin 1960, S.256. 
3 Ministère des Affaires Etrangères (MAE) Paris, EU-Europe, Sous S.Sarre, Doss.47, B1.257, Revue de 
Presse. 
4 Ebd., Doss.52, Bl.202-204; Doss.59, Bl.91, 102, Revue de Presse. 
5 Z.B. die Revierkonferenz in Sulzbach am 13.11.49 in Sulzbach. Auch: Schmidt, Saarpolitik, Bd.2, 
5.256. 
6 Referat von Aloys Schmitt auf der Revierkonferenz des I.V. Bergbau am 13.11.49. Siehe dazu : Ebd., 
5.257. 
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