Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Arbeitsamtes eingeholt werden mußte und insbesondere bei Einstellungen die Arbeits¬ 
verträge durch die Arbeitsämter geprüft wurden. Ob man im Saarland von einer akti¬ 
ven Arbeitsmarktpolitik sprechen kann, kann nur eine genauere Analyse im Rahmen 
einer Einzelstudie überprüfen, die zudem nach meiner Kenntnis vor erheblichen 
Quellenproblemen stehen würde. Ansätze zu einer aktiven Arbeitsmarktpolitik zeigen 
sich aber darin, daß z.B. auf offene Stellen vom Arbeitsamt in speziellen Sendungen im 
Saarländischen Rundfunk hingewiesen wurde. Zum anderen betonte Richard Kim die 
Notwendigkeit, den Arbeitsmarkt zu beobachten. Über die erforderliche Zustimmung 
des Arbeitsamtes bei Einstellung und Entlassung strebte der Arbeitsminister an, einen 
Überblick über die Fluktuation am Arbeitsmarkt zu gewinnen. Auf Grund der geringen 
Arbeitslosigkeit im Saarland69 entstanden beim Landesstock für den Arbeitseinsatz, der 
als Körperschaft des öffentlichen Rechtes mit der Verwaltung der Versicherungs¬ 
beiträge beauftragt war, erhebliche Überschüsse, die der Saarwirtschaft bei der Schaf¬ 
fung neuer Arbeitsplätze als Darlehen zur Verfügung gestellt wurden, so im Jahr 1951 
ein Betrag von 1,67 Milliarden FRS.70 Auch die Organisationsdichte der Arbeitsämter 
beeindruckt. Neben den fünf Arbeitsämtern in Wadern, Saarlouis, Saarbrücken, Neun¬ 
kirchen und St. Ingbert gab es zahlreiche Neben- und Außenstellen.71 
Synthese statt Assimilation 
Die saarländischen Familienzulagen, die Erhaltung und der Ausbau der Arbeitslosen¬ 
versicherung veranschaulichen, daß Elemente der saarländischen Sozialpolitik als eine 
Synthese divergierender sozialpolitischer Traditionen definiert werden können. Wie 
kam es dazu? Auch die französische Seite mußte erkennen, daß in einer schwerindu¬ 
striell geprägten Region, in einer Gesellschaft mit hohem Arbeiteranteil zumindest 
langfristig eine soziale Absicherung für den Fall der Arbeitslosigkeit unumgänglich 
war. Die Franzosen konnten diese Entwicklung zulassen, indem sie auf eine totale 
Assimilation an das französische Familienzulagensystem verzichteten und auf diese 
Weise den von den Arbeitgebern an die Familienzulagenkasse abzuführenden Anteil 
um 2 Prozent unter der französischen Marge ansetzten. So schufen sie den Spielraum 
für die Wiedereinführung der Arbeitslosenversicherung, ohne der saarländischen 
Wirtschaft eine höhere Beitragsbelastung zuzumuten, denn sie mußte im Gegensatz zu 
den Arbeitgebern in Frankreich zwei Prozent weniger an die Familienzulagenkasse 
abführen.72 Die durch den Nationalsozialismus belastete Familienpolitik konnte keine 
Schatten werfen, weil das Familienzulagensystem in der öffentlichen Diskussion als 
notwendige Annäherung an das französische Lohnsystem verstanden wurde. Ein 
69 Die Arbeitslosenquote betrug 1951 2,1 Prozent, siehe: LA SB, Stk. Nr.1256, "Die staatliche Sozialpolitik 
im Saarland" (masch.). 
70 Ebd. 
71 Ebd. 
72 Siehe: LA SB, NL Johann Klein, Nr.63, Statistisches Amt des Saaarlandes (Hrsg.), Kurzbericht Nr.V/5 
vom 15.4.58. 
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