Full text: Lotharingia (26)

der hohen Geistlichkeit fehlten zudem überragende Gestalten auch politischen Formats, die 
eine Führungsrolle hätten übernehmen können. 
Zum Abschluß unserer Skizzierung des fränkischen Teilungsrechts müßte man wohl fragen, 
ob den Zeitgenossen des 9. Jahrhunderts überhaupt bewußt war, welche politischen 
Zwänge von seiner Beachtung ausgingen. Damit ließe sich zugleich exemplarisch kon¬ 
trollieren, ob unsere thematische Ausrichtung auf einen, allerdings durchaus wichtigen 
Aspekt frei vom Verdacht anachronistischer Betrachtungsweise ist. Kronzeuge dafür mag 
Hinkmar von Reims, der große Erzbischof und Politiker des Westreichs, sein. König Ludwig 
dem Stammler, der 877 Nachfolger seines Vaters Karls des Kahlen geworden war, gab Hink¬ 
mar einen wichtigen politischen Rat: Historische, und das heiße nachlesbare, Erfahrung 
lehre, daß Zwietracht unter den Großen des Reiches Gefahren schaffe, zumal Ludwig nicht 
über eine Art wirksamen 'Auswegs' verfüge: „da Ihr keinen Bruder habt, zu dem das Volk 
(bzw. die politische Führungsschicht) sich teilen dürfe" (Praesertim cum non habeatis 
fratrem, ad quem populus debeat se dividere). Als Karl der Große starb, sei nicht geteilt 
worden, sondern das Volk habe sich gemeinsam mit Karls einzigem Sohn Ludwig (dem 
Frommen) geeint.62 
Diese Mahnung mag auch uns lehren, bei Regelungen der Herrschaftsnachfolge dynastische 
Phänomene eigentlich doch zurückhaltender zu werten oder herauszustellen. Das fränki¬ 
sche Teilungsprinzip könnte durchaus eine umfassendere politische Regulativkraft besessen 
haben. 
62 Hinkmar vom Reims, Instructio ad Ludovicum Balbum, Migne PL 125, Sp. 986 (Cap.VI); vgl. Schneider 
(wie Anm.56) S. 65f. 
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