Full text: Lotharingia

III. 
Aus dem gesamten theodisken Sprachraum bis zur Elbe und Saale sind - es wurde schon 
gesagt - über 1000 Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts mit althochdeutschen, altsäch¬ 
sischen und altniederfränkischen bzw. altniederländischen Glossen zu Einzelwörtern oder 
Satzteilen lateinischer Texte belegt.45 Der Anteil, den die Lotharingia an dieser gewaltigen 
Übersetzungsarbeit hat, ist freilich nicht leicht abzuschätzen, was am für die einzelnen 
Sprachregionen dieses Raumes unterschiedlich guten Forschungsstand liegt. 
Im Bereich des sprachlich sich seit dem 7. jh. herauskristallisierenden Sprachraumes des 
Niederfränkischen oder Niederländisch-Flämischen zwischen Somme und Schelde, an der 
unteren Maas und am Niederrhein ist die Forschung in der Scheidung des geographisch 
Zuweisbaren noch nicht weit. Doch dürfte der Eindruck nicht trügen, daß insgesamt nur 
wenige Handschriften diesem nördlichsten Sprachraum des germanischen Sprachteils der 
Lotharingia zuzuweisen sind.46 Das hängt sicherlich auch, aber nicht nur, mit dem dürfti¬ 
gen, durch die Verheerungen der Normanneneinfälle geschwächten Überlieferungsstand 
der klösterlichen Zentren dieses Raumes zusammen. Andere vornehmlich niederfränkische 
Glossenhandschriften haben sich inzwischen als Zeugnisse der altsächsischen Sprache her¬ 
ausgestellt, die nicht leicht vom Altniederfränkischen zu scheiden ist.47 Eine der ältesten 
altniederfränkischen Glossenhandschriften, ein Glossar von Städte-, Fluß- und Völkernamen 
des 11. jhs., stammt nicht zufällig aus St. Bertin, von jenem flämischen Westrand, der zum 
Reichsteil Karls des Kahlen gehörte, der aber eine günstigere Überlieferung aufweist.48 Aus 
St. Bertin stammen auch Glossierungen eines auf die 'Regula Pastoralis' Gregors des Großen 
zurückgehenden Sündenverzeichnisses, das nach alemannischer Vorlage aus der Reichenau 
im 10. Jh. altflämisch erweitert wurde. Diese Glossierung wurde nach Cambrai und einem 
weiteren, bisher unbekannten nordostfranzösischen Zentrum weitervermittelt.49 Thomas 
45 Vgl. zu Glossen und Glossierungstechnik: Herbert Thoma, Althochdeutsche Glossen. In: Reallexikon 
der Deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1. 2. Aufl. 1973, Sp. 579-589; Alexander Schwarz, Glossen 
als Texte. In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur (Tübingen) 99. 1977, 
S. 25-36; Haubrichs (wie Anm. 2), S. 228ff. 
46 Vgl. die Verdachtsfälle in Berg mann (wie Anm. 16) Nr. 82. 149. 324. 355. 718. 741.770, von denen 
einige jedoch nach den Untersuchungen von Rolf Bergmann, Mittelfränkische Glossen. Studien zu 
ihrer Ermittlung und sprachgeographischen Einordnung. Rheinisches Archiv 61. Bonn 1966, S. 81. 
1 88f. 280ff. als mittelfränkisch, andere nach den Untersuchungen von Thomas Klein (wie Anm. 47) 
als altsächsisch diskutiert werden. Vgl. auch die niederdeutschen Glossen der Texthand (westdeutsch 
11. Jh.) in der Geographie des Solinus, Cod. Wolfenbüttel 133 Gudianus lat.: Mayer (wie Anm. 67), 
S. 146. Zu sonstigen altniederfränkischen Einträgen vgl. M. Schönfeld 'Heban olla vogala'. In: Tijd- 
schriftvoor Nederlandse Taal- en Letterkunde 76. 1958. S. 1-9 [Sprichwort]; Anton C.-F. Koch, Namen 
von Monaten und Windrichtungen in einer niederländischen Handschrift des 11. Jhs. In: Namenfor¬ 
schung. FS Adolf Bach. Heidelberg 1965, S. 441-443 [Einträge aus Utrecht?] Vgl. Anm. 75. 
47 Vgl. dazu auch methodisch Thomas Klein, Studien zur Wechselbeziehung zwischen altsächsischem 
und althochdeutschem Schreibwesen. Göppingen 1977. 
48 Cod. Boulogne-sur-Mer B.M. 126: Die Glossen betreffen Ortsnamen und ethnische Bezeichnungen aus 
dem weiteren Raum um St. Bertin/St. Omer im Gebiet 1. des Pas-de-Calais, 2. des Raumes zwischen 
Seine und Maas, 3. Südenglands. Vgl. dazu Klein (wie Anm. 47), S. 142ft". 
49 Cod. St, Omer B.M. 150 mit 3 verwandten Handschriften aus Nordfrankreich (darunter 1 aus St. Bertin, 
1 aus Cambrai). Vgl, dazu Klein (wie Anm. 47), S. 146ff. 
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