Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

biete der Gauwirtschaftskammem festgelegt worden; und letztlich war Bürckels 
Westmark selbständiger Reichsverteidigungsbezirk geworden. 
Mit der "Anordnung für die Durchführung des totalen Kriegseinsatzes" vom 16. 
August 1944 erhielten ferner die Reichsverteidigungskommissare gegenüber allen 
Dienststellen der Mittel- und Unterstufe sowie der gewerblichen Wirtschaft ein 
umfassendes Auskunfts- und Weisungsrecht, nur noch an die allgemeinen Richt¬ 
linien der obersten Reichsbehörden gebunden; Änderungen im Verwaltungsaufbau 
waren ihnen untersagt. In die gleiche Richtung zielt die Übertragung der Aufgaben 
des Stellungsbaus am 23. August 1944 an die Gauleiter. Durch diese Vereinigung 
von Machtbefugnissen bei der Steuerung ziviler Verwaltungsgeschäfte in der Hand 
der Gauleiter wurden die zentrifugalen Tendenzen, die überall unter den Gaulei¬ 
tern vorhanden waren, gestärkt, und der einzelne konnte, vor allem wenn er in ho¬ 
her Gunst bei Hitler stand, eine regelrechte Gauherrschaft aufbauen. 
Bürckel allerdings war am 8. September 1944 der Aufpasser Willi Stöhr als 
"Bevollmächtigter des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissar für den 
Stellungsbau" beigegeben worden. Aufgrund von Aussagen von Bürckels Ehefrau 
nach dem Kriege habe er sich geweigert, sinnlose Befestigungsarbeiten durchfüh¬ 
ren zu lassen, um nicht durch die Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft das 
Gebiet zum Kriegsschauplatz werden zu lassen, woraufhin ihn die Partei (Heinrich 
Himmler) als Gauleiter absetzte, - Umstände, die dann letztlich zu seinem mögli¬ 
cherweise erzwungenen Freitod führten. Im Sinne des in der Praxis sich allmäh¬ 
lich wandelnden NS-Führerstaates in einen personalen Herrschaftsverband ist es 
"einleuchtend", daß er als "Defätist" dann eliminiert wurde, als er die Grundregeln 
der "NS-Staatsraison" verletzte. Gerade aber diese Vorgänge können zeigen, daß 
Bürckel weder reiner Befehlsempfanger seines "Führers" noch Mitläufer einer Kli- 
que sein wollte, zumindest nicht mehr konsequent in der Endphase seiner Lauf¬ 
bahn; dabei lassen sich seine früheren politischen Eigenmächtigkeiten durchaus 
als ein im Rahmen des Führerwillens sich bewegender, antizipierter Gehorsam 
deuten. In Anlehnung an eine Aussage Görings 1933 zur Machtverteilung inner¬ 
halb der NS-Führung, besaß Bürckel demnach solange soviel Macht, wie Hitler sie 
ihm zugestand. Bürckels eigenmächtiger Versuch, selbst aktiv politisch mitzuge¬ 
stalten, ließ ihn die Grenzen nationalsozialistischer Eigeninitiative sowie das Un¬ 
recht der Politik des Ns-Staates am eigenen Leibe erfahren. Damit zeigt Bürckels 
politische^ Handeln aber auch die Grenzen der polykratischen Desorganisation des 
NS-Regimes bzw. den Sieg der führerstaatlichen Autokratie noch in der Endphase 
des "Dritten Reiches"7. 
War es den "Saarländern" nach der künstlichen Schaffung ihres Gebietes aufgrund 
des Versailler Saarstatuts innerhalb von 15 Jahren vielleicht noch nicht gelungen, 
ein historisch begründetes Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln, so bot das 
unter reichsdeutschem Einfluß auf längere Sicht angelegte Gebilde doch immerhin 
die Chance, ein territorial-politisch ausgerichtetes Bewußtsein aufgrund des ge¬ 
meinsamen Schicksals von "Saar-Preußen" und "Saar-Pfälzern" bzw. "Saar-Bay- 
7 Vgl. D. Rebentisch, Führerstaat, S. 533-553, bes. S. 552. 
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