Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

Welches Vertrauen Hitler seinem Saar-Vertreter entgegenbrachte, ist zumindest 
daran zu erkennen, daß er ihn, den Spezialisten für die Integration neuer Gebiete 
ins Altreich, 1938 mit Sonderauftrag nach Österreich schickte, ohne ihn an der 
Saar anderweitig vertreten zu lassen. Daß Bürckel hierzu seine Saar-Mannschaft 
mitnahm, belegt die Personenbezogenheit nationalsozialistischer Herrschaft; nicht 
auf eine bewährte Methode allein setzte Hitler, sondern auf das geschlossene Zu¬ 
sammenspiel von Bürckel, Gustav Bösing (Kärnten), Ernst Dürrfeld (Wien), Peter 
Kiefer (Tirol), Heinrich Nietmann (Steiermark), Rudolf Röhrig (Vorarlberg), 
Willy Schmelcher (Nieder-Österreich), Fritz Schwitzgebel (Ober-Österreich) sowie 
des selbst aus Österreich stammenden und im Saarbrücker Reichskommissariat tä¬ 
tigen Dr. Fritz Dietrich (Salzburg). Nach Erfüllung seines Wiener Auftrages ging 
Bürckel, gestärkt mit einer klaren verfassungspolitischen Konzeption für den Füh¬ 
rerstaat, daran, seinen eigenen Herrschaftsraum demgemäß umzugestalten. Dies 
betraf vor allem die Lösung der Probleme, die sich trotz Übereinstimmung von 
Parteigau und Verwaltungsbezirk aus dem Verwaltungswirrwarr bzw. der Dezen¬ 
tralisierung der entsprechenden Behörden ergaben. Wie fest Bürckel zumindest 
seinen Parteigau im Griff hatte, zeigt z.B. die im übrigen Reich zu Genüge be¬ 
kannte Rivalität zwischen SA und SS, die sich an der Saar, auch nach dem Röhm- 
Putsch, nicht ausbildete; von dem späteren Machtzuwachs der SS profitierte er 
selbst solange, wie seine Interessen sich mit den ihren deckten. 
Was seine Lothringen-Politik anbelangte, deren Ziel gemäß Hitlers Auftrag darin 
bestand, "Lothringen möglichst rasch zu einer deutschen Provinz zu machen", so 
scheint seine Lagebeurteilung und Einsicht in die Durchführbarkeit der Beeinflus¬ 
sung durch Dunckern bzw. dem Druck der Gestapo erlegen zu sein, so daß die an¬ 
fänglich verminderten Ausweisungen alt eingesessener Lothringer bald wieder Zu¬ 
nahmen. Jung scheint ihn diesbezüglich von Wien aus zu einer Politik des lang¬ 
samen Taktierern ermutigt zu haben, doch ohne nachhaltigen Erfolg. Diesem Um¬ 
stand schrieb auch Jung die Tatsache zu, daß die ersten Widerstandskämpfer aus 
Lothringen kamen, Bürckels Weg zur Eindeutschung Lothringens im Sinne einer 
völkischen "Flurbereinugung", von Hitler aufgrund des Unterstellungsverhältnisses 
direkt gedeckt, zeigt weniger im Verwaltungsbereich als im politischen Handeln 
selbst die Zielgerichtetheit und Gefährlichkeit der NS-Ideologie. Während der 
Verwaltungsapparat noch überkommenen Strukturen verhaftet blieb, ging die Po¬ 
litik, gestützt auf den NS-Maßnahmenstaat, bereits neue Wege, und dies bedeutete 
"die Sicherung des völkischen Lebens" gemäß dem von Hitler vorgegebenen Pro¬ 
gramm. Es war eine Frage der Zeit, bis auch hier die völlige Gleichschaltung er¬ 
reicht worden wäre. Noch zeichnete sich die "alte" Verwaltung, nicht zuletzt auf¬ 
grund des Eingreifens von Parteidienststellen in das Verwaltungshandeln, aus 
durch unklare Zuständigkeiten, durch Überlagerung der Aufgabenfelder, durch das 
Hineinreden und Mitentscheiden zahlreicher anderer Dienststellen, besonders von 
"Beauftragten", von "Sonderbevollmächtigten" oder "Sonderdienststellen" und 
"Sonderverwaltungen", aber auch durch Rechtsunsicherheit und eine unausgego¬ 
rene Gesetzesvielfalt. Es spricht für den bürokratischen Perfektionismus, für einen 
"eingefahrenen" Apparat, daß trotzdem schnelles und effektives Handeln erreicht 
wurde. Ein Schwund an Einsprüchen der Bürokratie läßt sich gegen Kriegsende 
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