Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

teressenvertretungen der Wirtschaft in den neuen NS-Organen ist eine Erschei¬ 
nung, die sich auch im übrigen Reich feststellen läßt. Im Zuge der Überführung 
der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer und der Wirtschafts¬ 
kammer in die Gauwirtschaftskammer betrieb Bürckel auch deren "Säuberung", so 
daß Gauwirtschaftsberater Bösing als Kammerpräsident letztlich als die Verkörpe¬ 
rung der Einheit von Staat, Partei und Wirtschaft gelten kann. Daß dies keine Ein¬ 
zelerscheinung war, sondern dahinter "System" steckte, belegen deutlich die ver¬ 
waltungsmäßigen und parteilichen Anstrengungen nach der Gründung der 
Reichswerke "Hermann Göring" im Raum Salzgitter, als zur Bewältigung der gro¬ 
ßen Industrie- und Siedlungsvorhaben die Schaffung eines entsprechenden Raumes 
für die Reichswerke geplant wurde; diese Neugliederung im "Salzgitter-Aufbau¬ 
gebiet" war nur im Zusammenhang mit einer Reichsreform unter Bildung von 
Reichsgauen zu lösen5, - Planziele, wie sie auch Bürckel in seinem Wirtschafts¬ 
gebiet Saar-Pfalz bereits 1935 anstrebte. 
Der Zuschnitt von Bürckels Stellung als Machtpotentat an der Saar, dann der 
Saarpfalz und später der Westmark sowie der Aufbau des Reichskommissariats 
einschließlich der vielen Umgliederungen konnten im Grunde nur als vorläufige 
Regelungen gelten, wenn dies auch für den Augenblick so nicht festgelegt war; für 
eine dauerhafte Lösung enthielt das Gebilde zuviele Unwägbarkeiten, so daß die 
ausstehende Reichsreform gerade in diesem Raum angebracht gewesen wäre. Im¬ 
merhin aber beinhaltete Bürckels momentane Position trotz Kompetenzgerangel 
mit der bayerischen Landesregierung eine hervorragende Ausgangsposition bei 
künftigen Neuregelungen. Die ungelösten Probleme von Zuständigkeiten auf dem 
administrativen bzw. politischen Sektor resultierten letztlich aus dem von Hitler 
gewünschten Endziel der Schaffung eines nationalsozialistischen Einheitsstaates, 
wie es bereits am 30. Januar 1934 das "Gesetz über den Neuaufbau des Reiches" 
verkündet hatte. Doch hatte dieser neue Reichsaufbau vorerst nicht vermocht, die 
"Verreichlichung" herbeizuführen; dies gelang in beschränktem Maße bis 1938 
durch den Übergang von immer mehr Gesetzgebungs- und Verwaltungsmaterien 
an zentrale Reichsressorts. Einen Sonderfall bildete die Saar, die bei ihrer Rück¬ 
gliederung eine unmittelbare Unterstellung unter das Reich erfahren hatte. Doch 
verstand es Bürckel, sich einerseits von dieser administrativen Bindung weitge¬ 
hend zu befreien, einmal durch den konstanten Ausbau seines Verwaltungsappara¬ 
tes, zum anderen aber auch politisch durch personelle Kontakte zu den entspre¬ 
chenden Parteidienststellen bzw. zu Hitler selbst sowie als Chef der Zivilverwal¬ 
tung durch die Immediatstellung unter Hitler bzw. Göring. Das Geflecht von 
Kompetenzen in staatlichen und parteilichen Bereichen hätte nur durch eine 
Reichsreform im großen Stil gelöst werden können, die zwar die Festigung der in¬ 
neren Verfassungsverhältnisse gebracht hätte, jedoch die Entscheidungswillkür 
Hitlers eingeschränkt hätte; diese Aufgabe hätte das RMdl leisten müssen, dem es 
jedoch nicht gelang, Hitler von seiner Abneigung gegen eine einheitliche und um¬ 
fassende Straffung des Verwaltungssystems abzubringen. 
5 Vgl. D. Rebentisch, Führerstaat, S. 223-225. 
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