Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

wirtschaftlichen und nicht zuletzt verwaltungstechnischen Schwierigkeiten perso¬ 
nalpolitische Probleme, die das NS-System geradezu provozierte. 
Das früher hervorragende Verhältnis des Reichskommissars zu seinem Kampfge¬ 
fährten Jung trübte sich sehr bald, nachdem dieser sein Stellvertreter im Reichs¬ 
kommissariat geworden war, da er sich wohl in Verwaltungs- und Wirtschaftsfra¬ 
gen Jung unterlegen fühlte; vor allem, als seinen macht- und parteipolitischen 
Ambitionen durch die sachlichen Bedingungen der Verwaltung bzw. die fachli¬ 
chen Kompetenzen der Amtsinhaber erste Grenzen gesetzt wurden. Daraufhin 
verlegte Bürckel seine Geschäftsführung von seinem Amtssitz Saarbrücken sehr 
bald nach Neustadt, an den Sitz der Gauleitung. Ferner umgab er sich dort mit ei¬ 
nem Stab von ihm willfährigen Beamten, um von Neustadt aus Anordnungen unter 
Umgehung der Saarbrücker Verwaltung, speziell Jungs, zu erlassen; seine Ent¬ 
scheidungen aus Neustadt liefen sehr oft an den Vorstellungen seines Regierungs¬ 
präsidenten vorbei. Die Spannungen verstärkten sich im April 1938, als Bürckel 
als Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen 
Reich nach Wien ging und er sich daraufhin alle Verfügungen von Bedeutung vor 
Erlaß vorlegen ließ, woraufhin Jung die Rücknahme dieser Maßnahme erwirkte. 
Unter diesen Vorzeichen betrieb Bürckel dann auch Jungs Abschiebung evtl, auf 
die Stelle des zu verabschiedenden Reg.Präs. Wenner oder im Falle der Weigerung 
Jungs dessen "Versetzung in den Wartestand"; doch das RMdl bewirkte (mit 
Bürckels Einverständnis) Jungs Versetzung nach Wien. 
Hinzu kamen ständige Schwelpunkte zwischen den Erfordernissen staatlicher 
Verwaltung und den parteipolitischen und persönlichen Anliegen bestimmter 
Gruppierungen und Parteigenossen. Auffallend für die Personallage waren die ge¬ 
radezu überraschenden Neubesetzungen, verbunden mit späteren Ablösungen bei 
Nichtbewährung bis hin zu den ständigen Auseinandersetzungen mit Funktionä¬ 
ren, die sich in die Verwaltung einmischten. Gerade solche Spannungen belegen 
das Mißverhältnis einer aus rechtsstaatlichen Verhältnissen hervorgegangenen 
Verwaltung zu dem Machtstreben einer dirigistischen Parteiclique. Die guten Be¬ 
ziehungen zu seinem "ständigen" Begleiter, dem Chef der Gestapo Dunckem, ei¬ 
nem Freund Himmlers, dürften Bürckels Stellung im Reich zwar zuträglich gewe¬ 
sen sein, in bestimmten Saar-Kreisen aber weniger Gefallen gefunden haben, vor 
allem beim Regierungspräsidenten, wenn Anweisungen des Reichsinnenministeri¬ 
ums von der Gestapo nicht befolgt wurden. 
Zu Bürckels antikapitalistischem und diffus-sozialistischem Ideenkonglomerat 
paßt auch sein gestörtes Verhältnis zu den Industriellen, in denen er immer den 
Kapitalisten und Feind der Arbeiterschaft witterte, so auch bei H. Röchling, in dem 
er aufgrund seiner Verdienste bei der Rückgliederung einen Nebenbuhler in der 
Rolle als einziger "Befreier der Saar" zu erkennen glaubte; ihn hatte er bereits 
1934 als Störfaktor beim Aufbau der Volksgemeinschaft angeschwärzt. Im Zuge 
der Auflösung der früheren Selbstverwaltungsorgane der verschiedenen Wirt¬ 
schaftszweige schied H. Röchling als Präsident des "Wirtschaftsvereins" aus, er 
hatte jetzt B. Karcher als Leiter der neuen "Wirtschaftskammer" über sich. Die an 
der Saar allgemein festzustellende Wiederverwendung der Führer der früheren In¬ 
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