Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

1. Die Durchführung einer "einwandfreien Volksabstimmung" sei mißlungen (Naziterror, 
Einschüchtern potentieller Status quo-Anhänger). 
2. "Auf jeden Fall zeigt das Ergebnis ganz klar, daß die Furcht vor persönlichem Terror 
größer ist als der Mut der politischen Erkenntnis." 
3. Das Nationalbewußtsein der Saareinwohner habe den Ausschlag gegeben (letzte Gele¬ 
genheit zum Wiederanschluß). 
4. Die Rolle der katholischen Kirche als politischer Machtfaktor sei überbewertet worden 
(keine Beeinflussung durch die Status quo-Haltung einiger Priester). 
5. "Die Angst vor dem Terror war stärker als der Glaube und die Anhänglichkeit an die 
Kirche." 
6. Die Heranziehung der letzten Wahlen zu Voraussagen (36% der Stimmen sozialistisch 
und kommunistisch) habe sich als falsche Basis erwiesen. 
7. 54.000 Stimmberechtigte aus Deutschland hätten nicht gegen den Faschismus ge¬ 
stimmt: 
8. "Das zeigt uns mit großer Eindringlichkeit, daß das Deutsche Volk sehr weit vom 
Willen, die Dinge in Deutschland zu ändern, entfernt ist.” 
9. "Berichte über die Erfolge der illegalen Arbeit und (die) wachsende revolutionäre 
Kampfbereitschaft in Deutschland" hätten sich im nachhinein als falsch herausgestellt. 
10. "Die Tatsache wird wieder einmal ganz augenfällig vor Augen geführt, daß es nur un¬ 
ter der Demokratie möglich ist, Siege für die Arbeiterschaft zu erreichen, oder aber nur 
dann, wenn durch irgendwelche Ereignisse - verlorener Krieg usw. - die Grundlagen 
des Staates zusammenbrechen." 
11. Die Führung des Wahlkampfes der sozialistischen Seite sei aufgrund ihrer wirt¬ 
schaftsorientierten Argumentation und der im Vergleich zur Deutschen Front finanziell 
geringeren Mittel gescheitert. 
Aus diesem Rückschlag wurden auf der Tagung bereits Lehren für die künftige 
Arbeit gezogen, "Der Kampf um die Volksmassen (müsse) viel mehr an das Ge¬ 
fühl als an die wirtschaftliche Vernunft appellieren." Sogar die Folgerungen, die 
sich für Deutschland aus diesem Sieg ergäben, wurden klar erkannt, so die Hin¬ 
nahme der deutschen Aufrüstung (mit Schwerpunkt Luftrüstung) vom Ausland als 
Tatsache und der Beginn eines weltumfassenden Angriffskrieges nach vorausge¬ 
gangenen Friedensversicherungen; als möglicher Kriegsvorwand wurden Eupen- 
Malmedy, Österreich, Danzig, Korridor, Oberschlesien, Memel und die Kolonien 
angesprochen. 
Von dem Schock im Lager der Status quo-Bewegung bzw. dem Zweifel an der 
Rechtmäßigkeit des Ergebnisses im antifaschistischen Lager berichtet Erich Wei¬ 
nert15 in seiner nach der Abstimmung in der "Neuen Weltbühne" abgegebenen 
Analyse16. In seinen Überlegungen ging Weinert von 37% der Novemberwahl von 
15 E. Weinert (1890-1953), vor 1933 im Vorstand des "Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, 
seit 1.10.1933 an der Saar; seit 10.6.1934 von der Oberstaatsanwaitschaft Saarlouis steckbrieflich ge¬ 
sucht; am 3.11 1934 nach Unterzeichnung des "Saar-Aufrufs" ausgebürgert; ab April 1935 in Paris, 
1937 in Spanien, 1939 in Frankreich, später in der Sowjetunion. 
16 E. Weinert, Das Saargeheimnis, S. 208ff. "Wie wurde das Abstimmungsergebnis von den Antifaschisten 
des Saargebiets aufgenommen? Offenbar anders als von uns. Während wir uns bemühten (und auch 
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