Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

Viele, der für ungültig erklärten Stimmzettel waren mit Aufschriften versehen, die 
Zeugnis gaben vom Konflikt der Wähler zwischen nationaler Gesinnung und Be¬ 
denken gegen den Faschismus: 
"Für Deutschland - gegen Hitler." 
"Ich habe für Deutschland gestimmt, weil ich Deutscher bin und nicht anders han¬ 
deln kann, aber ich will nicht zu Hitler-Deutschland zurückkehren." 
Oder: "Vereinigte Staaten Europas, eine Sprache, ein Geld." 
In einem Umschlag wurde ein Zettel mit folgendem Wortlaut gefunden: "Mein Vo¬ 
tum für Deutschland soll meine Volks- und Heimatverbundenheit zum Ausdruck 
bringen. Nie aber will und kann ich für ein Hitler-Deutschland sein. So denken 
Tausende mit mir, bekennen es vielleicht auf dem Stimmzettel oder geben leere 
Zettel ab. Möge sich die Abstimmungskommission resp. der Hohe Völkerbundsrat 
bewußt sein, daß eine moralische, ja sogar eine quasi-Gerechtigkeitsverpflichtung 
besteht, auch diese Stimmen zu werten. Mit der Feststellung des Abstimmungs¬ 
termins hat der Völkerbundsrat einen Großteil der Abstimmungsberechtigten in 
einen fast untragbaren Gewissenskonflikt gebracht, und wird infolgedessen ein 
Abstimmungsergebnis mitverursachen, das weder der Wahrheit noch der Gerech¬ 
tigkeit entspricht. Dem allem möge der Völkerbundsrat im Interesse seiner morali¬ 
schen Autorität und Weltgeltung Rechnung tragen, und von sich aus zu späterem 
Termin eine Revisions- und Korrektur-Möglichkeit bieten."3 
Im Januar 1934 hatte Karl Barth, seit 1933 Oberkirchenrat der evangelichen Kir¬ 
che in Speyer (ab März 1934 formell beurlaubt, um Beauftragter des Bayer. 
Min.Präs. zu werden und ab August 1934 persönlicher Referent des pfälzischen 
Gauleiters Bürckel) dem Bayerischen Ministerpräsidenten, der seit Dezember 1933 
Bayerischer Generalbevollmächtigter für die Pfalz und die bayerische Saarpfalz 
war, ein ausgewogenes Stimmenverhältnis zwischen rückgliederungsfreundlicher 
und rückgliederungsfeindlicher Front angekündigt; er wies dabei auf die angebli¬ 
che französische Taktik der "innerdeutschen Zerrissenheit" hin, die darauf hinaus¬ 
laufe, "Frankreich im Hintergrund (zu)halten und den Kampf zu einem innerdeut¬ 
schen Ringen zwischen nationalsozialistischer Haltung und ihren Gegenströmun¬ 
gen zu machen"4. 
Doch das Resultat der Abstimmung widerlegte alle vorherigen Prognosen, auch 
diejenigen der antifaschistischen Akteure und ihrer Presse5. So hatte die "Deutsche 
Anzahl der abgegebenen Stimmen die ungültigen und die weißen Stimmzettel subtrahiert sind, die 
durchaus auch eine oppositionelle Haltung ausdrücken können. 
S. Wambaugh, The Saar Plebiscite, S. 304 u. Anm. 19. Eine Überprüfung ist heute nicht mehr möglich, 
da die Stimmzettel gemäß Empfehlung der Abstimmungskommission in Genf vernichtet wurden. 
4 Sehr. v. 6.1.1934. LA Speyer, Best. Bez.Amt Kusel, Nr. 1.424, Bl. 179f. Zu Barth ausführlich IV. Kap. 
2.1. 
5 Vgl. die Annahmen Max Brauns von 60 Prozent, in: "Deutsche Freiheit" v. 28.8., 3.11., 15.11., 
28.12.1934, 13.u.14.1.1935. Ebenso Joh. Kirchner u. Rudolf Breitscheid. Vgl. auch P. v.z. Mühlen, 
"Schlagt Hitler an der Saar!", S. 227f. 
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