Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

Handelsbeziehungen nach der Abstimmung und einer Mindestfrist für den Zwi¬ 
schenzustand "für den Fall, daß das Gebiet an Deutschland fallt"52. 
Die amtlichen Verlautbarungen des Reiches äußerten Zuversicht; die Agitationen 
gegen den politischen Gegner nahmen an Stärke zu, eventuelle Überraschungen 
und Reaktionen versuchte man bereits im Vorfeld der Auseinandersetzung der Lä¬ 
cherlichkeit preiszugeben53. So äußerte Reichsaußenminister von Neurath im De¬ 
zember 1934 in einen Interview des "Messaggero", daß in der Saarabstimmung 
unangenehme Überraschungen (eventuell eine Teilung des Saargebietes) nicht zu 
erwarten seien. Höchstens könnte sich die eine oder andere Gemeinde für den 
Status quo aussprechen. Wenn man daraus einen ebenso lächerlichen wie gefährli¬ 
chen Staat von einigen tausend Einwohnern machen wollte, würde der Völkerbund 
als Souverän keine gute Figur machen und den Staat dauernd finanzieren müssen. 
Dieser Staat würde eine Zufluchtstätte aller Emigranten unter dem Wahlspruch 
"Gegen das Dritte Reich und für die Dritte Internationale" bilden. Zugleich wäre 
der Staat eine Zentrale der Unzufriedenheit und ein ewiger Anlaß zu Reibungen 
zwischen Deutschland und Frankreich und damit eine Gefahr für den Frieden. 
Es darf jedoch angenommen werden, daß diese Töne nicht zuletzt unter der für das 
Reich positiv verlaufenden Wahlkampagne zustande kamen und gewisse Ma߬ 
nahmen für den Eventualfall der Abtrennung getroffen waren. Diesbezüglich teilte 
der französische Außenminister am 8. Dezember 1934 dem Innenminister die An¬ 
kündigung eines möglichen Handstreichs an der Saar mit. Denkbar sei auch eine 
Armee-Aktion durch untergeordnete Chefs nationalsozialistischer Verbände. War¬ 
nungen ähnlicher Art kamen auch von französischen Botschafter in Berlin, der 
von einem cours d'entraînement von 40 Nationalsozialisten berichtet hatte, der im 
Lager Döberitz stattgefunden habe; diese Aktivisten hielten sich nunmehr mit ih¬ 
rem Kommandanten Haucnstein bei Berlin in Bereitschaft54. 
Gemäß Ratsbeschluß vom 11. Dezember 1934 stand das Saargebiet während der 
Abstimmungszcit unter dem Schutz einer Internationalen Polizeitruppe55, in Ver¬ 
52 
Der Tenor der Rückkelir zu Deutschland ist auch in den abschließenden Empfehlungen nicht zu über¬ 
hören. 
53 
Verwerfung des der Deutschen Front vorgeworfenen Terrors als "Meinungs- und Gefühlsäußerung im 
deutschen Sinne". Ähnliche Versicherungen des OB Neikes gegenüber Aloisi in der Abschrift eines Te¬ 
legramms vom 28.5.1934, bes. zur Widerlegung von bevorstehenden Gewaltakten und eines Putsches 
von deutscher Seite im StadtA Saarbrücken, Best. Großstadt, Nr. 2.273. 
54 Sehr, des franz. Außenministers an den Innenminister v. 8.12.1934. Arch. Dép. de la M.-et-M., Cote 4 
M 227, pièces 9f. Im Gegensatz dazu hatte der Führer des SS-Abschnitts XI in einem Befehl an die 78. 
SS-Standarte u.a. am 7.11.1934 nach einem Femspruch des Oberabschnitts Rhein angeordnet, daß in¬ 
folge der Maßnahmen der franz. Regierung sämtliche Einheiten vom 3.11.1934 bis nach der Saarab¬ 
stimmung innerhalb einer Zone von 15 km von der Saargrenze entfernt keinen Dienst abhalten durften. 
Hess. HStA Wiesbaden, Abt. 483, Nr. 1.833. 
55 SDN JO 15, 1934, S. 1.841. Die Entschließung des Völkerbundsrates über die Aufstellung einer in¬ 
ternationalen Truppe zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Saargebiet vor, während und nach der 
Volksabstimmung; Amtsblatt der Reko 1934, Nr. 627, S. 527f. Zur Verstärkung der Polizeikräfte des 
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