Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

gen, dagegen vielmehr zu betonen, "daß die politische Entscheidung jedes einzel¬ 
nen Saarkatholiken am 13. Januar Angelegenheit seines eigenen deutschen und 
christlichen Gewissens sei und bleibe"4. Die Versuche der "Neue(n) Saar-Post" 
oder des "Volksbund(es)", den Hl. Stuhl unter Hinweis auf die in Deutschland ge¬ 
fährdeten Rechte der Kirche und des Christentums auf die Status quo-Seite zu zie¬ 
hen, seien somit gescheitert. Diesen Erfolg schob die Deutsche Botschaft beim Hl. 
Stuhl dem Kardinal Staatssekretär Pacelli zu, "der den berechtigten Interessen des 
deutschen Volkstums und der deutschen Politik ohne Ansehen der jeweiligen Re¬ 
gierung seit langen Jahren ein warmes Interesse und vielfache Unterstützung ent¬ 
gegengebracht"5 habe. Pacelli habe mit seine Sympathien für die deutsche Sache 
aufgrund der zahlreichen Anschuldigungen gegen das Reich nach dem 30. Juni 
1934 fast alleine gestanden; ebenso sei die nach den Ereignissen in Österreich ein¬ 
getretene antideutsche Wendung der italienischen Politik nicht ohne Einfluß auf 
den Vatikan geblieben. 
Beachtenswert fand die Botschaft ebenfalls, daß in der Kurie kein Umschwung 
eingetreten war, obwohl hinsichtlich der Ausführungsbestimmungen zum Reichs¬ 
konkordat noch keine Einigung erzielt worden war. Unter diesen Voraussetzungen 
zeigte sich die Reichsregierung mit der öffentlichen Haltung des Vatikans vollauf 
zufrieden. Zumindest nach außen hin sei dessen Stellungnahme doch offiziell und 
inoffiziell mehrmals zum Ausdruck gebracht worden; so z.B. in der Ablehnung der 
französischen Anträge, die kirchliche Jurisdiktion im Saargebiet dem Speyerer 
oder Trierer Bischof zu entziehen oder in der Ablehnung der Unterstützung für die 
katholischen Status quo-Anhänger im "Volksbund", besonders von Johannes 
Hoffmann mit seiner "Neue(n) Saar-Post"), im Gegensatz zur Unterstützung der 
Saardelegation vom 7. November mit Kiefer, Levacher und Müller. Mit seinem be¬ 
redten Schweigen zu dem Aufruf der Dechanten und seinem Beharren auf dem 
Standpunkt einer überparteilichen Neutralität habe der Vatikan dem Status quo 
mehr geschadet als genutzt. Bei einem noch deutlicheren Hervortreten der deutsch¬ 
freundlichen Tendenzen des Vatikans, so argumentierte die Botschaft, hätten die 
inzwischen abgeschlossenen Verhandlungen über die Ausführungsbestimmungen 
zum Reichskonkordat früher zum Abschluß gebracht werden können. 
Für die Nazis mag es vorteilhaft gewesen sein, ein Hand in Hand-Arbeiten von 
Kirche und NS-Staat nach außen hin zu propagieren, sofern sich die Kirche auf 
rein kirchlich-religiöse Belange beschränkte; geradezu verhängnisvoll wirkte sich 
jedoch aus, daß die wahren Motive für viele Reichswähler uneinsichtig geblieben 
waren, ebenso wie der Gesamtzusammenhang der "Neutralität der Kirche" irri¬ 
gerweise unerkannt geblieben war. Die Trennung des Hl. Vaters "zwischen Partei¬ 
politik und Politik im allgemeinen"6 war bei der Mehrzahl der Gläubigen nicht 
verstanden worden. 
4 Ber. v. 14.1.1935: ebd. 
5 Ber. v. 14.1.1935: ebd. 
6 Bischof von Trier an Prälat Panico, päpstl. Legat für das Saargebiet v. 28.11.1934. AB Speyer, B 1, A- 
XV-13. An entsprechendem "Aufklärungsmaterial" der Status quo-Vertreter fehlte es nicht; s. die Bro¬ 
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