Full text: Migration und Urbanisierung

wird der Aussatz immer weiter geschleppt."137 Äußerst selten wandte sich die Kritik 
gegen die Hausbesitzer selbst oder gipfelte gar in einem Räumungsbefehl wie hinsichtlich 
eines Hauses im Kreis Diedenhofen-West, dessen kleine "Kammern nach allen Seiten 
hin mit Tüchern hermetisch verschlossen [sind], wodurch das gemeinschaftliche Schlafge¬ 
mach der Logisleute auf diese Weise weder Luft noch Licht erhält. Würden die 
Wohnungen ausschließlich von einzelnen Familien bezogen werden, könnte man den 
bestehenden Zustand allenfalls noch dulden. In einem Haus aber, das mit italienischen 
Kostgängern vollgepfropft ist, wo also so wie so schon die Gefahr des Ausbruchs und 
der Übertragung von Infektionskrankheiten besonders nahe liegt, können solche direkt 
gesundheitsschädlichen Zustände nicht zugelassen werden."138 In diesem seltenen Falle 
zog man den deutschen Hauswirt zur Rechenschaft, dessen Einspruch beim Bezirkspräsi¬ 
dium mit den Worten kommentiert wurde: "Daß N. bei Schließung der beanstandeten 
Räume empfindliche Verluste erleiden würde, kann nicht im wörtlichen Sinne sondern 
nur dahin aufgefaßt werden, daß dadurch das von ihm angewendete, keine Grenzen 
kennende Ausbeutungssystem eine kleine Einbuße erleiden würde."139 
Die dritte Anschuldigung neben der Unsittlichkeit und Unhygiene der Behausungen von 
"Fremdarbeitern" lautete darauf, daß eigens sie für die extrem hohen Mieten im Industrie¬ 
gebiet verantwortlich seien, weil durch ihre Präsenz die Nachfrage auf dem Wohnungs¬ 
markt außerordentlich angestiegen sei und sie daher die Preise in die Höhe treiben 
würden.140 Daß es sich bei den "Fremdarbeitern" keineswegs um die Mehrheit der 
mobilen Arbeiterbevölkerung handelte, wurde oft stillschweigend übersehen. So kam es 
etwa vor, daß im Jahre 1897 aufgrund der Schließung de Wendelscher Eisenwerke in 
Stieringen an der saarländisch-lothringischen Grenze ungefähr 350 Arbeiter, d.h. eine 
mittlere Belegschaft mit ihren Familien, an diejenigen Betriebe überwiesen wurden, 
welche dasselbe Unternehmen in Hayingen unterhielt. Die Wohnungsnot im Fentschtal 
verschlimmerte sich daraufhin in einem Maße, daß Wohnungen nicht einmal mehr zu 
137 Vgl. ADM 8 AL 356: Lothringer Bürgerzeitung v. 13 Januar 1903 mit dem Artikel "Sanitäre 
Zustände in Beauregard". Außerdem hielt sich die Ortskrankenkasse, welche unter den finanziellen 
Folgen der miserablen Wohnverhältnisse stöhnte, durch die Pflegeberichte von katholischen und 
protestantischen Schwestern auf dem Laufenden. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß "die gün¬ 
stige Gelegenheit der Stadterweiterung in erster Linie dazu benutzt werden wird, die traurigen 
Wohnungsverhältnisse der arbeitenden Klasse zu verbessern." Vgl. ebda.: Lothringer Bürgerzei¬ 
tung v. 29.Dezember 1901. 
138 Vgl. ADM 3 AL 339: KDTh-West an BPLo v. 30Januar 1909. 
139 Dito. 
140 Vgl. ADM 3 AL 262: Zeitungsausschnitte zum Thema Wohnungsnot, u.a.: Le Lorrain v. 
22August 1900 mit der Forderung nach einem sozialen Wohungsbau und die Lothringer 
Volksstimme v. 26.Aprü 1904 mit einer drastischen Schüderung der unhygienischen Zustände 
von Italienerwohnungen. 
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