Full text: Migration und Urbanisierung

in welche die Industrie im innerdeutschen sowie gesamteuropäischen Vergleich etwas 
verspätet Einzug hielt, stand den Innenverwaltungen sehr bald nach dem Beginn der 
beschleunigten Industrialisierung ein normativ verankertes Instrumentarium zur Erfassung 
und statistischen Analyse der inter- und innerstädtischen Mobilität zur Verfügung.1 
Anders als beispielsweise im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, aber mit dem dort 
bereits erworbenen Erfahrungsschatz, hatten die Verwaltungen hier die Gelegenheit, mi- 
grative Bevölkerungsbewegungen schon ab einem recht frühen Stadium der industriellen 
Erschließung zu protokollieren und eventuell nötige Steuerungsversuche einzuleiten. 
Die Beobachtung der Migrationswellen erfolgte schwerpunktmäßig einerseits unter 
volkswirtschaftlichen und andererseits unter ethnisch-nationalen Gesichtspunkten. 
Politische Intentionen, z.B. zur Kontrolle der Demokratie- und der Arbeiterbewegung, 
interessierten im Zusammenhang mit dem Binnenwanderungsgeschehen des Industriali¬ 
sierungszeitalters nur am Rande, sofern ganz konkret eine staatsfeindliche politische In¬ 
filtration aus dem Ausland befürchtet wurde. So observierten die Polizeibehörden nach 
der gescheiterten Märzrevolution von 1848 in den 1850er Jahren deutsche Wanderarbeiter, 
die aus der Schweiz in die Rheinprovinz heimkehrten, wegen eventueller Kontakte zu 
politischen Flüchtlingen in Zürich.2 Oder man nutzte die kommunalen Melderegister 
als praktische Nachschlagewerke zum Auffinden "verdächtiger Elemente".3 Das Haupt¬ 
augenmerk richtete sich jedoch auf andere Phänomene. Besonders die Auswirkungen der 
Land-Stadt-Wanderung beunruhigten die Behörden, daneben die Folgeprobleme öfter 
auftretender Massenarbeitslosigkeiten sowie umfangreiche ausländische Zuzugskontingen¬ 
te, in erster Linie aus Polen und Italien, aber auch aus Frankreich, aus den Niederlanden 
und aus Luxemburg. Sonderaspekte in der deutsch-französisch-luxemburgisch-belgischen 
Grenzregion bildeten Unruhen in unmittelbarer Grenznähe, besonders durch Ausländer, 
sowie Fragen der Präsenz ausländischer Betriebe und ausländischer Führungskräfte auf 
eigenem Territorium, sei es in der Privatwirtschaft oder im Staatsdienst, in den vor allem 
die germanophonen Luxemburger drängten. Nicht zuletzt beschäftigten sich die Ver¬ 
waltungen mit den Folgen der Bevölkerungsverschiebungen für die Sittlichkeit und Moral 
des Staatsvolkes, denn die Industrialisierung bedeutete gerade für einen Großteil der 
1 Vgl. Kapitel G 
2 Vgl. LHA Ko 442/6384. 
3 In den Diedenhofener Polizeiakten findet sich z.B. die Bitte des Petersburger Polizeichefs aus 
dem Jahre 1899, einen der Subversivität verdächtigen Russen ausfindig zu machen, der - nur 
weü er einen bekritzelten Zettel mit dem Briefkopf einer Diedenhofener Gaststätte an die Polizei 
der russischen Hauptstadt geschickt hatte - für "psychisch krank” und "gefährlich" erachtet wurde. 
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