Full text: Migration und Urbanisierung

frankreich, in erster Linie aber dem französischen Teil Lothringens und Deutsch- 
Lothringen zurückzuführen. Die maßgebliche Ursache für den überdurchschnittlichen 
Prozentsatz der italienischen Femzuwanderung dürfte in der verspäteten Industrialisierung 
Diedenhofens zu sehen sein, wodurch die Arbeitskräftepotentiale der eigenen Region 
sowie der umliegenden Landschaften weitgehend an bereits länger ansässigen Indu¬ 
striestandorten gebunden wurden. Außerdem könnte die relative Nähe der deutsch-lo¬ 
thringischen Industrien zum romanischen Sprachraum einer Ansiedlung der Italiener 
Vorschub geleistet haben. 
Das vehemente Absinken der Auslandsanteile im Rahmen der Wanderungsbewegungen 
im Laufe der 1890er Jahre legt einen Strukturbruch während dieses Zeitabschnitts (Phase 
Q in Diedenhofen nahe. Eine genaue Betrachtung der Immigrations- und Emigra¬ 
tionsquoten aller aufgeführten Landschaften und Staaten verstärkt diesen Eindruck, denn 
der Zuzug aus Luxemburg, West- und Nordeuropa (Frankreich) sowie dem Rheinland, 
Westfalen und der Pfalz lag in den Jahren nach 1890 zum Teil entschieden unter den 
Prozentsätzen der 1880er Jahre.117 Zugleich stieg die Wanderungsintensität hinsichtlich 
einer Vielzahl deutscher Staaten immens an; zu nennen wären hier Teile West- und Mit¬ 
teldeutschlands, das Elsaß, der Hunsrück und die Eifel, d.h. in staatlicher Hinsicht vor 
allem Preußen, Bayern (rechsrheinisch) sowie die hessischen und sächsischen Territorien. 
Zwei historische Phänome griffen hier ineinander: mehr oder minder wirksame national¬ 
staatliche Abgrenzungsmechanismen und der kommunale industrielle "take-off”. 
Zum einen wirkte sich zu Beginn dieses Zeitabschnitts konkret die verschärfte außen¬ 
politische Frontstellung zwischen der französischen und der deutschen Regierung im 
Zeichen der Revanchepolitik des französischen Kriegsministers Boulanger ("général 
revanche") und der deutschen Hochrüstungspolitik unter Wilhelm II. aus, indem restrik¬ 
tivere Grenzkontrollen und häufigere Zurückweisungen bzw. Ausweisungen "unerwünsch¬ 
ter Personen" die Atmosphäre im Grenzraum vergifteten und den Wanderungsaustausch 
mit dem Ausland wenn nicht verhinderten, so doch behinderten.118 Ebenfalls während 
der 1890er Jahre, d.h. in deren letztem Drittel, begann für Diedenhofen die Industrialisie¬ 
rung. Die Röchlingsche "Karlshütte" wurde 1898 gegründet, nachdem die Saarindustriel¬ 
len bereits seit 1889/90 über einen Kohlenlieferungsvertrag für die städtische Gasanstalt 
ihr Augenmerk auf Diedenhofen gerichtet hatten. Der Industrialisierungsprozeß trug das 
seine zur Marginalisierung traditioneller Austauschbeziehungen bei, indem er den erwei¬ 
terten Zuzug von industriellen Arbeitskräften zwecks Aufbau und Betrieb der Hütten- 
117 Zum einen gingen die Zuzugsquoten der genannten Regionen in der Regel zurück, zum anderen 
fielen die Abzugsanteüe gegenüber Phase B z.T. deutlich ab. Dies trifft besonders auf West- 
und Nordeuropa, speziell aber auf Frankreich, zu. 
118 Vgl. Roth, La frontière franco-allemande, S.40ff.: "Entre 1887 et 1891 la situation fut difficile 
et a laissé beaucoup de souvenirs désagréables." (S.40) 
167
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.