Full text: Migration und Urbanisierung

Erstens wird mit der Analyse kommunaler Melderegister eine sozialhistorisch höchst 
interessante Quellengattung erschlossen, die bislang seitens der Historikerzunft entweder 
nicht oder nicht adäquat bearbeitet wurde bzw. bearbeitet werden konnte.5 Erst die 
Entwicklung handlicher, zugleich aber sehr leistungsfähiger Kleinrechner gegen Ende 
der 1980er Jahre erlaubte die originalgetreue Erhebung von Meldedaten in maschinenles¬ 
barer Form, so daß der volle Informationsgehalt dieser seriellen Massendatenbestände 
in der Forschungsarbeit Berücksichtigung finden konnte.6 
Zweitens wurden gezielt quantitative Methoden angewandt. Der Einsatz eines präzisen, 
mathematisch fundierten Stichprobenverfahrens war an sich schon durch die Art der 
Quellenbasis unerläßlich. Darüber hinaus wurde der Versuch unternommen, weitere, in 
der Vergangenheit in der Sozialgeschichtsschreibung noch äußerst selten genutzte 
statistische Verfahren für die Migrationsforschung dienstbar zu machen. Der Einsatz zeit¬ 
reihenanalytischer Methoden sollte zur Beschreibung und Analyse langfristiger Mobili¬ 
tätsprozesse beitragen. Besonders interessant erschien dabei der Vergleich der Migrations¬ 
reihen mit Wirtschaftsdaten, welche durch Ökonomiehistoriker bereits seit geraumer Zeit 
mittels der genannten Verfahren bearbeitet werden. Daneben wurden einzelne Teilunter¬ 
suchungen mit Hilfe der Clusteranalyse in Angriff genommen, einem mathematisch 
weniger komplexen, für sozialhistorische Fragestellungen aufgrund seiner Transparenz 
bestens geeigneten Klassifizierungsverfahren, das von Historikern ebenfalls erst ver¬ 
gleichsweise selten rezipiert worden ist. Dennoch beschränkt sich die Studie nicht auf 
die Cliometrik, sondern bemüht sich, unter Einbeziehung zahlreicher qualitativer Quellen, 
um eine Synthese quantitativer und qualitativer Forschungsansätze. Sie richtet sich 
keinesfalls einseitig an ein statistisch vorgebildetes Fachpublikum. Eine methodische Vor¬ 
bildfunktion nahm diesbezüglich die von Edward A. Wrighley und Roger S. Schofield 
edierte "Population History of England" ein;7 insbesondere die Gliederung jener 
Publikation mit dem ausführlichen methodischen Anhang, aus welchem das Bemühen 
spricht, die elaborierten statistischen Analyseparameter und -verfahren mehr oder minder 
5 Die einzige dem Vf. bekannte historische Studie, die zumindest teilweise auf kommunalen 
Melderegistem basiert, stammt von dem Amerikaner James H. Jackson. Vgl. Jackson, James H. 
jr.: Migration and Urbanization in the Ruhr Valley (1850-1900), Diss. Minnesota 1980. Jackson 
betrachtet stichprobenartig ausschließlich die Duisburger Melderegisterjahrgänge 1867/68 und 
1890, nicht zuletzt da es zum damaligen Stand der PC-Entwicklung - das Jahr 1980 gilt als 
Geburtsstunde des Personal Computer - arbeitstechnischnahezu unmöglich war, der Massendaten, 
welche diese Register enthalten, Herr zu werden. 
6 Zur Erfassung des kompletten Informationsgehaltes der Melderegistereinträge ist in den Archiven 
eine Volltextaufnahme mittels eines tragbaren Tischcomputers gerade im Rahmen einer ver¬ 
gleichenden Studie unerläßlich. 
7 Vgl. Wrighley, Edward A./ Schofield, Roger S. (Hg.): The Population History of England 
(1541-1871). A Reconstruction, Cambridge 1989. 
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